22.12.2021

Und es geschah …

Schw. M. Anne-Meike Brück

Weihnachten in der Corona-Pandemie (nach einer wahren Begebenheit)

Dass 2020 ein anderes Weihnachten würde,

als alle bisherigen, zeichnete sich schon Monate vor dem Fest ab. Mund- und Nasenmaske, Abstands- und Hygieneregeln prägten den Alltag.

Der Besuch des Gottesdienstes war trotz Lockdown mit etwas Flexibilität möglich, wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Eine virtuelle Teilnahme kam für mich nur im Notfall in Frage.

Im Advent erfuhr ich durch den Pfarrbrief: In St. Marien, unserer Seniorenresidenz, würde am frühen Abend die Christmette open Air gefeiert. Die alten und pflegebedürftigen Menschen sollten nach Monaten des Verzichtes die Möglichkeit haben, hinter den hohen Fenstern des Eingangsbereiches und der Flure die heilige Messe mitzufeiern. Die Dorfbewohner würden im Hof in entsprechendem Abstand vom außen aufgestellten Altar Platz nehmen können.

Mich schüttelte es bei der Vorstellung, draußen im Halbdunkel mit Winterjacke, Schal, Mütze und Decke in der Kälte auf einem Plastikstuhl dem liturgischen Geschehen folgen zu müssen. Doch gab es für mich nicht wirklich eine Alternative. Ich zog diese Variante dem Wohnzimmer mit Fernsehbildschirm vor. Ein bisschen Abenteuer durfte es sein, zumal ich mich kerngesund und rüstig fühlte.

Um 17:15 Uhr machte ich mich am Heiligen Abend auf den Weg. Ich wollte nicht zu früh da sein. Leichter Schneeregen hatte seit einer Stunde eingesetzt. Im Hof angekommen, umfing mich trotz kühler Nässe eine anheimelnde Atmosphäre. Die beiden großen Bäume des Innenhofes waren mit Lichterketten geschmückt. Vor dem gläsernen Eingang von St. Marien stand der weihnachtlich geschmückte überdachte Altar. Im Innenraum des Pflegeheimes konnte man einen hell erleuchteten Tannenbaum und eine einfache, geschnitzte Krippe mit großen Holzfiguren erkennen. Hinter den hohen Fenstern sah man zum Teil in Rollstühlen und fahrbaren Betten die pflegebedürftigen Residenzbewohner. Viele von ihnen kannte ich.

Wenige Familien, junge Leute, Nachbarn und Bekannte aus dem Dorf hatten draußen Platz genommen. Die gestellten Stühle waren nicht alle besetzt. Der Priester zog durch den Pfortenflur zum Altar. Von innen her intonierte der Organist durch den Lautsprecher: „Zu Bethlehem geboren …“ Seine Solo gesungenen Lieder im Verlauf der heiligen Messe sollten die Botschaft unterstreichen: „Heute ist euch der Heiland geboren, der Retter der Welt.“

Bis zum Ende wartete ich vergebens auf jegliche Art von Weihnachtsgefühl. Selbst die Worte der engagierten Kurzpredigt des Pfarrers wollten mein Herz nicht erreichen. Dass Corona unser Leben und auch die Feier von Weihnachten verändert hatte, das musste mir an diesem Abend niemand sagen. Durchgefroren und durchnässt erwartete ich das Schlusslied. Mit brüchigen Stimmen fielen alle in den Gesang des Organisten ein. Nie in meinem Leben hat „Stille Nacht, heilige Nacht“ so in meinem Herzen geklungen wie an diesem Abend. Auf einmal wurde mir klar: Dieses wehrlose Kind, Gottes Sohn, wurde in eine Nacht hinein geboren. Nicht Glanz und Glorie empfing ihn, als er in diese Welt trat. Not und Armut waren sein freigewähltes Los. Niemals in meinem Leben habe ich mich von ihm so verstanden gefühlt wie an diesem Abend.

Den Anderen muss es ähnlich ergangen sein. Als ich kurz darauf in entsprechendem Abstand und mit Alltagsmaske den einzelnen eine frohe und gesegnete Weihnacht wünschte, sah ich das Leuchten in ihren Augen.

Ja, es war eine frohe und gesegnete Weihnacht. Ich werde sie mein Leben lang nicht vergessen.

Fotos: Alois Thömmes; Pia Maria Ehses; S-MS