28.04.2021

Schwester
M. Anrika Dold

Sr. M. Anrika Dold
Schönstatt, Deutschland

Wie will ich leben?

Sr. M. Linda: Sr. M. Anrika, vor einigen – nein, eigentlich schon vor vielen Jahren – waren wir beide hin und wieder zusammen im Auto unterwegs. Unser Ziel war das Schönstattzentrum der Diözese Augsburg in Memhölz. Dort hattest Du Veranstaltungen für die Jugend und ich für Frauen.

Sr. M. Anrika (lacht): Ich kann mich noch gut an diese Touren erinnern.

Sr. M. Linda: So geht es mir auch. Auf der stundenlangen Fahrt haben wir uns über alles Mögliche unterhalten. Da tauchte auch die Frage auf, die Dir bleibend wichtig ist, nämlich: Wie will ich leben?

 Sr. M. Anrika: Ja, diese Frage ist ein Dauerbrenner bei mir. In verschiedenen Ausprägungen beschäftigt sie mich immer wieder neu. Aber ganz intensiv war das in einer Zeit, in der ich eigentlich dachte, dass ich nun angekommen bin an dem Platz, der der optimale für mich ist.

Sr. M. Linda: Wo und wann war das?

 Sr. M. Anrika: Einige Jahre vor meinem Eintritt arbeitete ich als Erzieherin in einem  psychotherapeutischen/
heilpädagogischen Kinderheim im Schwarzwald. Allein von der Lage her war das ein Traum. Die Wohngruppen waren tolle Holzhäuser und eine alte Mühle im Dorf war die spezielle Schule für diese Kinder. Das war eine sehr intensive und interessante Aufgabe.

Sr. M. Linda: Also wirklich alles bestens!

Sr. M. Anrika: Genau! Trotzdem wurde ich nach einer gewissen Zeit irgendwie unruhig. Auf der einen Seite war ich unheimlich gern dort. Auf der anderen Seite wollte ich mich mehr im Bereich Glauben und Jugendarbeit engagieren – so wie ich es von Schönstatt her gewohnt war. Die Frage: Wo will ich jetzt meine Zeit und Kraft voll einsetzen, hat mich immer mehr umgetrieben.

Sr. M. Linda: Da ist sie also die Kernfrage: Wie will ich leben?!

Sr. M. Anrika: Ja, immer wieder stieg in meinem Innern diese Frage auf.

Und dann – das weiß ich noch sehr genau – saß ich an einem Sonntagmorgen bei meinem Dienst in meiner Wohngruppe dort im Wohnzimmer, und diese Frage kam wieder hoch: Wie will ich weitermachen? Und dann war da auf einmal dieser Gedanke: Und wie wär‘s eigentlich mit Schönstätter Marienschwester?  Das hat mich getroffen wie ein Blitz! Und ich muss ehrlich sagen, ich bin erschrocken. Vor allem habe ich gedacht: Wo kommt diese Frage jetzt auf einmal her? Das war doch noch nie eine Frage für mich. Das war irgendwie weit weg – obwohl ich ja in Schönstatt aktiv war und auch Schwestern kannte.

Aber es war vorher einfach nie in meinem Blickfeld, selbst Schwester zu werden.
Ich sag Dir, das hat mich richtig mitgenommen …
Ich habe mich gewehrt gegen den Gedanken und versucht, ihn zu verdrängen.
Aber ich konnte ihn einfach nicht loswerden.

Irgendwann habe ich dann doch mal eine Schwester zu Rate gezogen. Und die hat toll reagiert, muss ich sagen. Überhaupt nicht einnehmend, sondern ganz offen und frei:  Ich könnte diesem Gedanken ja mal nachgehen. Aber nicht so im luftleeren Raum, sondern wirklich auch mit Gott, mit der Muttergottes, zu der ich ja auch einen Draht hatte, als Gegenüber besprechen.

Sr. M. Linda: Also nicht allein endlos darüber nachdenken, sondern ganz konkret mit Gott darüber sprechen.

Sr. M. Anrika: Ja, genau. Und das habe ich versucht. Es war für mich ein echtes Ringen. Aber schließlich fiel die Entscheidung. Und ich staune bis heute, wie Gott das mit mir geschafft hat. Hat er echt gut gemacht!

Sr. M. Linda: Ende gut, alles gut, könnte man sagen. Aber eigentlich ging es dann ja erst richtig los.

Sr. M. Anrika: Schon bald nach dem Noviziat durfte ich in die Jugendarbeit einsteigen. Das ging einige Jahre. Danach habe ich mit jungen Erwachsenen, vor allem mit jungen Frauen gearbeitet.

Sr. M. Linda: Und jetzt hast Du zusammen mit einer Mitschwester einen eigenen YouTube-Kanal mit dem interessanten Namen „Jenseits des Gewöhnlichen.“ Was verbirgt sich dahinter?

 Sr. M. Anrika: Das erschließt sich aus dem Untertitel: Christliche Lebenskunst. Wir gehen der Frage nach, wie christliches Leben in der Gesellschaft von heute geht und bieten Antworten und „Lebbares“ aus der Spiritualität Schönstatts an.

Wir wollen ermutigen, den christlichen Weg zu gehen – und zwar mit Freude und einer gewissen Leichtigkeit.

Sr. M. Linda: Ich kann mir vorstellen, dass da Dein eigener Weg mit Gott sicher auch eine Fundgrube ist. Deshalb meine Schlussfrage an Dich: Ist es gewöhnlich für dich, Marienschwester zu sein oder ungewöhnlich – also jenseits des Gewöhnlichen?

Sr. M. Anrika: Der Schritt war sehr ungewöhnlich. Aber heute ist dieses Leben gewöhnlich für mich im besten Sinn des Wortes. Denn es ist mein Weg. Es ist mein Leben. Gewöhnlich – und immer etwas Besonderes.

Sr. M. Linda: Dann muss ich doch noch die allerletzte Frage stellen: Was von der christlichen Lebenskunst Marienschwester zu sein, gefällt Dir am besten?

 Sr. M. Anrika: Jeden Tag neu meinen Weg in innerer Freiheit zu gehen! Das ist natürlich auch immer eine Herausforderung, aber eine richtig gute!

Sr. M. Linda: Sr. M. Anrika, Danke für Dein Ja zu diesem Gespräch. Und vor allem für Dein Ja „damals“. Wäre echt schade gewesen, wenn es anders ausgegangen wäre!