26.12.2020

eine Weihnachtsgeschichte

von Schw. M. Anne-Meike Brück

Vom Glanz des Unperfekten

Auch in diesem Jahr zog Klaus in den Wald, um einen der unperfekten Tannenbäume zu holen. Der Förster hatte vor vier Jahren erstmals dazu eingeladen. Sie wurden kostenfrei herausgegeben. Gefällt werden mussten die krummen Dinger ohnehin. Warum nicht verschenken und ihnen einen letzten großen Auftritt an Weihnachten gönnen, hatte sich der Förster gedacht und diese Aktion ins Leben gerufen. Seither wuchs zu Weihnachten der Freundeskreis der krummen Nadelbäume zu Weihnachten.

Von Anfang an waren Klaus und seine Frau mit dabei. Zuerst hatte es Klaus seiner Frau zuliebe getan und einen der schönsten unperfekten Bäume nach Hause gebracht. Mittlerweile hatte er Spaß daran zu sehen, wie sich die Bäume unter den geschickten Händen und der Kreativität seiner Frau verwandelten. Und Klaus trug dazu bei, dass es in jedem Jahr spannend blieb. Er steigerte den Schwierigkeitsgrad dadurch, dass er einen immer unperfekteren Baum nach Hause holte. Er wusste, seine Frau konnte aus jedem Baum etwas herauszaubern. Diesmal hatte er sich vorgenommen, den Unperfektesten der Unperfekten nach Hause zu bringen.

Auf dem Waldplatz angekommen, ging er durch die Baumreihen. Da standen sie, die künftigen Weihnachtsbäume. Einer schöner als der andere. Stolz präsentierte der Förster den zu Scharen angekommenen Kunden seine ansehnlichsten Bäume. Gerade gewachsen, dichte, grüne Nadeln, die Spitzen wie eine Zierde tragend.

Und dazwischen … Klaus wusste sofort: Das war er!

Der Unperfekteste von allen Unperfekten

Die Spitze und die oberen Äste waren bereits verdorrt. Die darunter liegenden, wenigen zarten Zweige hatten sich aufgrund der freien Entfaltungsmöglichkeit weit ausgebreitet. Sie wirkten wie das lichte Haar einer alten Dame. Die ganze Fichte war dürr und hager. Klaus wusste sofort: Das ist der Richtige! Er würde die ganze Phantasie seiner geliebten Frau herausfordern.

Der Förster versuchte kurz, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Es musste doch nicht der allerletzte Krüppelbaum sein. Doch Klaus blieb bei seinem Entschluss.

Den Baum im erweiterten Kofferraum des Autos unterzubringen, war ein leichtes. Verschmitzt dachte Klaus an seine Frau und ihre Reaktion, wenn sie diesmal den Baum zu Gesicht bekäme. Sie hatte immer darauf bestanden, dass es keine hässlichen Bäume gäbe. Natur sei eben Natur! Auf diesen Standpunkt hatte sie sich immer mit Erfolg gestellt.

Als er mit dem Auto an der Haustür anfuhr, überraschten ihn bereits einige Nachbarn an den Fenstern. Sie hatten seine Ankunft mit Spannung erwartet. Klaus grüßte freundlich, lächelte ihnen entgegen und zog ruhig seine Handschuhe über. Er hatte es schon immer verstanden, ungewöhnliche Ereignisse zu zelebrieren. Er öffnete den Kofferraum, legte Hand an den dünnen Stamm des Baumes und hielt ihn mit Leichtigkeit einmal in die Luft.

Spontanes Lachen und lauter Beifall gaben ihm recht: Er hatte den Hässlichsten der Unperfekten gewählt.

Bevor ihm seine Frau schon an der Haustür entgegen kommen konnte, schloss er behände auf, nahm die Treppenstufen bis zum Wohnzimmer und stellte das Nadelbäumchen in den bereits platzierten Weihnachtsbaumständer. Das alles bereitete ihm bei dem Fliegengewicht des Bäumchens keine Mühe.

Schon stand Angela in der Tür. Ein kurzer Schrei des Entsetzens, dann hatte sie sich gefasst. Sie umarmte Klaus, gab ihm einen Kuss auf die Wange und sagte voller Elan: „Du traust mir wirklich etwas zu.“

Diesmal ließ sie sich Zeit, bevor sie an die Arbeit ging. Kugeln und kleine Weihnachtspäckchen, Baumgehänge, Sterne, Weihnachtsmütze, Moos, Draht, Lichterkette und Krippenfiguren … Alles stand parat, als sie Stunden später mit dem Schmücken anfing. Die Tür blieb in dieser Zeit zu. Niemand sollte sie stören.

Und dann war es soweit.

Mit feierlicher Weihnachtsmusik untermalt, öffnete sich noch an diesem Abend die Tür ins Weihnachtszimmer. Nicht zu glauben, was dort zu sehen war: Ein Baum voller Kugeln und Lichter, voller Glanz und Dynamik. Und in der verdorrten Krone war Platz für die Krippe.

„Der tanzende Weihnachtsbaum“,
betitelte ihn die jüngste Tochter von Angela und Klaus.

Und diese Geschichte ist wahr. Sie wurde aufgeschrieben, weil sie etwas wiedergibt von dem, was das Weihnachtsgeheimnis ausmacht: Die Geburt Jesu, des Sohnes Gottes, im Stall zu Bethlehem, kann all dem, was oft zu menschlich, hässlich oder gar böse ist, einen Glanz verleihen. Gott sucht das Arme und Geringe, er sucht den Menschen, um ihn mit seiner Gegenwart zu beschenken. Es gibt nichts, was ihn hindert, hineingeboren zu werden in unser menschliches Schicksal. Was wir brauchen, ist die Bereitschaft, ihn auf den dürren Ästen unseres Lebens zu tragen. Dann können auch wir tanzen, denn nicht Schönheit, Perfektionismus, Reichtum machen unser Leben aus.

Gott ist es, der unserem Leben Glanz und Herrlichkeit verleiht –
wie diesem kleinen Krüppelbaum,
für den Weihnachten der einzigartige Höhepunkt seines Lebens wurde.