04.10.2020

100 Jahre Frauenbewegung in Schönstatt – Einblicke – 05

von Sr. M. Linda Wegerer, Schönstatt

Wie eine verschlossene Tür den richtigen Weg zeigte

Dank an „Mutter Myrow“

Im Jubiläumsjahr der Frauenbewegung Schönstatts durfte ich schon mit einigen Mitschwestern Gespräche zu diesem Thema führen und hier auf unserer Homepage veröffentlichen.

Dieser Gedankenaustausch hat mich bereichert und immer neu dankbar gemacht, dass auch ich zur Schönstattbewegung finden durfte.

Mein Dank gilt da an erster Stelle einer Schönstattmutter, die mit einem ungeheuren Elan und einer fast grenzenlosen Einsatzbereitschaft in meiner Heimatstadt die Spiritualität Schönstatts gekündet und Gruppen aufgebaut hat: Frau Anna Myrow. Von vielen einfach Mutter Myrow genannt!

Wie eine verschlossene Tür den richtigen Weg zeigte

Ich lernte sie in der Pfarrbücherei kennen, als ich neun Jahre alt war.

Wenige Monate zuvor waren wir in meiner Heimatstadt von einem Stadtteil in einen anderen umgezogen. Mitten im Schuljahr! Das war nicht so leicht für mich: neue Klassenkameradinnen, neue Lehrerinnen, neue Umgebung …

Da ich eine Leseratte war – und immer noch bin – wollte mir eine Klassenkameradin die große Stadtbibliothek zeigen. Ich freute mich sehr, war dann aber so enttäuscht, als wir vor verschlossenen Türen standen.

Zum Glück fiel meiner Klassenkameradin ein, dass es noch eine Pfarrbücherei gibt. Und so machten wir uns weiter auf den Weg.

Auch diese Bücherei war meiner Meinung nach ziemlich groß. Und all die Bücher ließen mein Herz höher schlagen. Ich meldete mich bei einer älteren Frau an und konnte kostenlos zwei Bücher auswählen. Das weiß ich alles noch ganz genau!

Als ich die Bücher bei ihr in meiner Karteikarte, auf die ich sehr stolz war, eintragen ließ, fragte sie mich, ob ich denn nicht Lust hätte, bei einer Mädchengruppe mitzumachen.

Was? Eine Bücherei, in der es auch eine Mädchengruppe gibt? Das ist ja toll! Und ich sagte gerne ja.

Und so begann – total unspektakulär – mein Weg in der Frauenbewegung Schönstatts.

Schönstatt – eine apostolische Bewegung

Die Pfarrbücherei war eines der zahlreichen apostolischen Projekte von Frau Myrow.

Damals kannte ich diesen Ausdruck noch nicht, aber durch Frau Myrow lernte ich auf dem Lebensweg, dass Schönstatt wahrhaft eine apostolische Bewegung ist.

Neben den wöchentlichen Gruppenstunden, die sie am Anfang selber hielt, um sie dann so schnell wie möglich an „Nachwuchskräfte“ abzugeben, lernte ich ein weites Feld von Einsatzmöglichkeiten kennen: Mithelfen in der Pfarrbücherei, Besuche bei kranken und alten Menschen, Basteln für unsere jährliche Bastelausstellung zugunsten der Missionsstation in Burundi, Vorbeten beim Rosenkranz und in Andachten, Gestalten von Pfarrfamilienabenden und so weiter!

Frau Myrow hatte ein Geschick, Aufgaben zu verteilen und sie langsam zu steigern. Ich weiß noch, dass es mein erster „Dienst“ in der Gruppe war, die Kerze anzuzünden und wieder auszulöschen.

Schnell wurde Schönstatt dann mein einziges „Hobby“. Für etwas anderes hatte ich einfach keine Zeit mehr! Und ich war meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mir diesen Spielraum ließen.

Marienschwester werden?

Marienschwester zu werden war zwar eine intensive Entscheidung, lag aber doch auch irgendwie nahe. Denn Frau Myrow sagte uns immer wieder ganz offen, dass es schön wäre, wenn eine von uns Marienschwester werden würde. Es war also eine „angesagte Option“!

Als ich dann später in der Schönstattbewegung Frauen und Mütter arbeitete, sollte – musste – durfte – ich auch Veranstaltungen mitgestalten, an denen Frau Myrow teilnahm. Ihre Versicherung: „Du musst keine Angst haben. Ich werde dir zu Füßen sitzen“ trug nicht wirklich zu meiner Beruhigung bei.

Im Jahr 2004, am Festtag Unserer Lieben Frau auf dem Berge Karmel, durfte Frau Myrow im Alter von 95 Jahren zu Gott heimgehen. Sie hatte den Tag ersehnt, wenngleich sie auch bis zum Schluss noch so aktiv war, wie sie konnte.

Ich erfuhr von ihrem Sterben, als ich zum „Tag der Frau“ an einem Schönstattzentrum war. Das passte so gut!

Durch Frau Myrow hatte ich die Schönstattbewegung kennen und lieben gelernt. Und nun durfte ich in meiner Aufgabe quasi etwas zurückgeben an die Gemeinschaft Schönstatts, zu der sie gehört hatte.

Und das ist auch mein Wunsch in diesem 100-Jahr-Jubiläum: Dass viele Frauen die lebensspendende Kraft des Liebesbündnisses erfahren dürfen und sie weitergeben durch ihr Sein und Wirken. Und dass  viele Menschen erleben dürfen, dass verschlossene Türen nicht das Ende, sondern ein ganz neuer Anfang sein können. Weil Gott dahinter steht!