15.06.2018

IHR SEID MEIN BRIEF – 03

von Schw. Gretelmaria Wolff

Gertraud Gräfin von Bullion

Serviam

 

Biographische Notizen

*  11. September 1891 in Würzburg,

†  11. Juni 1930 in Isny, Allgäu.

Gertraud stammte aus französisch-deutschem Adelsgeschlecht, sie genoss eine höhere Schulbildung in Österreich, Belgien und England.

1917 kam sie in ersten Kontakt mit Schönstatt, wurde die erste Frau der Apostolischen Bewegung und Mitgründerin des Schönstatt-Frauenbundes.

Spirituelles Profil

Von Kind auf wollte Gertraud Missionsschwester werden. Sie meldete sich bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges freiwillig zum Roten Kreuz. In Mons, Belgien, kam sie in Kontakt mit einem Schönstatt-Sodalen, Frater Salzhuber, dessen apostolischer Einsatz für die religiöse Erneuerung der Welt ihrem inneren Anliegen entsprach. Sie suchte intensiveren Kontakt und diese Ausrichtung wurde zur Weichenstellung für ihre Zukunft. Mit siebenundzwanzig Jahren kehrte sie bei Kriegsende nach Augsburg heim. Wie im Lazarett engagierte sie sich weiterhin als Laienapostel im Geiste Schönstatts aktiv in ihrer Pfarrei. Schönstatt wurde für ihr Leben entscheidend – und ihr Leben für Schönstatt.

Die Marienweihe an die Dreimal Wunderbare Mutter von Schönstatt am 8. Dezember 1920, zusammen mit ihrer Kusine Marie Christmann, wurde der Türöffner für die gesamte Frauenbewegung. Gertraud wollte mit aller Kraft für dieses Werk arbeiten; rastlos setzte sie sich ein für den Auf- und Ausbau von Frauengruppen in Bayern. Bald jedoch musste sie sich leidvoll in den Willen Gottes hineinkämpfen, der von ihr mehr und mehr Krankheit, Leid, Verzicht, Opfer verlangte. So wuchs Gertraud ihrem aristokratisch verstandenen Ideal entgegen: Serviam. Dienen wollte sie, Grundstein und Saatkorn sein „damit die Frauenbewegung ihre Aufgabe löse, damit Schönstatts Heiligtum eine Gnadenstätte würde und Schönstatt einen ganz tiefen Einfluss bekäme auf die heutige Zeit und Welt“ (J. Kentenich 1930). Dafür schenkte sie ihr Lebensangebot, schenkte auch den Verzicht, nicht für die Gründung der neuen Gemeinschaft der Schönstätter Marienschwestern zur Verfügung stehen zu können.

Beziehung zu P. J. Kentenich

Gertraud bekam durch Unteroffizier Franz Xaver Salzhuber, der im Lazarett ein reiches Schönstatt-Apostolat entfaltete, den ersten Kontakt mit Schönstatt. Er schenkte ihr ein MTA-Bild, und durch die Zeitschrift MTA fand sie vertieft in die Geisteswelt Schönstatts hinein. 1917 schrieb sie einen längeren Brief an Pater Kentenich. Er wollte jedoch aufgrund seines Alters die erbetene Seelenführung nicht übernehmen und gewann dafür Pater Kolb.

Nach dem Krieg bat sie den Gründer, auch Frauen zur Mitarbeit im Apostolischen Bund von Schönstatt zuzulassen. P. J. Kentenich erkannte in dieser Bitte den Fingerzeig der göttlichen Vorsehung: „1917 hatte sich schon eine Frau interessiert, Gräfin Gertraud von Bullion. Sie war mit Frater Salzhuber bekannt geworden und hat mich damals gebeten, ich möchte mich ihrer etwas annehmen. Ich hatte mir aber den Grundsatz eingeprägt, mich mit Frauenseelsorge nicht abzugeben, bevor ich fünfunddreißig Jahre alt war. Darum habe ich sie an jemand anders verwiesen … Hat also der Mensch am Anfang gestanden? Ach nein! Es war immer ein Tasten und Suchen nach den Plänen Gottes. Schönstatt ist wirklich ein Gotteswerk, entspricht den Plänen Gottes” (J. Kentenich 1950).

Gertraud pflegte den Kontakt zu P. J. Kentenich als dem Gründer eines Gotteswerkes, für das sie sich vollkommen zur Verfügung stellte. Früh erkannte sie im Bundesleiter „den Vater der Apostolischen Bewegung“, den sie vor ihrer entscheidenden Weihe bat, sie vor diesem Schritt zu segnen. Voll Freude berichtete sie: „Er kam und erfüllte uns die Bitte, es war, wie wenn Eltern ihre Kinder segnen, ehe sie den wichtigen Schritt ins Leben tun.“

Das Weihegebet, das der Gründer zur ersten feierlichen Weihe aus den verschiedenen Vorschlägen auswählte, stammte aus Gertrauds Feder. Diese Weihe wurde zur Richtschnur ihres Lebens.

Kurz vor ihrem Tod schrieb sie: „Ich bitte am 16. April um ein besonderes, kräftiges Memento, ich will die Weihe erneuern, so gut ich kann, auch im Wortlaut. Wie ernst hat’s die Mutter genommen mit der Hingabe! Ein Jahr jetzt bin ich krank und sehe kein Ende. Aber ich nehme keinen Buchstaben der Weihe zurück, das sagen Sie der Mutter im Kapellchen“ (1930). 

P. J. Kentenich wies immer wieder auf die Bedeutung ihres Lebens, ihrer Opferhingabe für das Werden der Frauenbewegung hin. „Sie steht … wirklich vor uns als das Ideal einer echten Schönstattfrau“ (1940). Sie fand als gereifte Frau ihren Weg nach Schönstatt. Im Vergleich zu Josef Engling, der als junger Mann sich ganz von der Erziehungsschule Schönstatts ergreifen ließ, führt P. J. Kentenich im Blick auf Gertraud von Bullion bereits kurz nach ihrem Tode aus:

Wie unser Gedankengut in einer anderen religiösen Kulturepoche, dazu noch von einer Frauenseele, die allerdings im Wesentlichen als fertiger Mensch zu uns kam, aufgenommen und verarbeitet worden ist, mögen Sie aus der Biographie der Gräfin von Bullion, „Serviam”, nachlesen. Ging er (Josef Engling) den Weg: Per Mariam ad Jesum (Deum), so finden Sie bei ihr den umgekehrten Weg: Per Jesum ad Mariam” (1933).

In einer Reflexion aus dem Jahre 1953 zeichnet der Gründer die Bedeutung dieser Ersten in der spirituellen Geschichte Schönstatts: „Das Weihegebet, das entstand, darf als Ausdruck der damaligen seelischen Grundhaltung und als Modell aufgefasst werden, an dem sich – ähnlich wie an Josef Engling, bewusst oder unbewusst – alle späteren Weihen orientieren. … Das Gebet weist eine Höhenlage auf, die nicht leicht überboten werden kann. Es ist unabhängig von Josef Engling, nicht aber unabhängig von der mütterlichen Erzieherin entstanden, die die Erstlinge der Männer- und Frauenbewegung im Herzen getragen und mit treu sorgender Mutterhand originell und individuell nach einer geheimen Vorlage – sichtbar für alle folgenden Generationen – geformt hat … Dass die Weihe mit ihrem gefüllten Inhalt nicht bloßer Wunschtraum, sondern blutiger Ernst war und zur Lebensform geworden ist, zeigt die folgende Entwicklung von Individuum und Gemeinschaft.“

Quelle: Margareta Wolff, Ihre Herzen haben Feuer gefangen, Schönstatt 2008, ISBN 978-3-00-026075-9

IHR SEID MEIN BRIEF – Impulse zum Kentenich-Jahr