Berufungsgeschichten

Wie kommt man heute auf die Idee, so einen Weg zu gehen? Wie spürt man so etwas wie eine Berufung, wie erkennt man sie?

Zunächst ist darauf zu sagen: Auf so eine „Idee“ kommt man nicht einfach, wie man vielleicht auf die Idee kommt, irgendwohin zu fahren oder sich bestimmte Sachen zu kaufen.
Eine Idee entsteht in mir selbst, eine religiöse Berufung ist ein Ruf, der von woanders kommt, der mich  ganz persönlich meint, und zwar so sehr, dass alle anderen Wünsche und Pläne bedeutungslos werden.

Zugleich ist die Berufung das, was dem/der Einzelnen so total entspricht wie kein anderer Weg. Sie vermittelt nicht nur einige glückliche Momente, sondern lässt das Leben als Ganzes glücken und stimmig werden.

„Wie geht das vor sich, die eigene Berufung entdecken? Wie nehme ich das wahr?“ Es gibt nicht die eine Antwort, der Weg der Berufung ist so vielfältig wie die Menschen es sind. Gott geht auf jeden Einzelnen ganz persönlich zu, und er geht mit jedem einen ganz individuellen Weg.

Auf dieser Seite erzählen Einzelne von ihrer Berufungsgeschichte. Sie tun es aus Dankbarkeit für das Geschenk ihrer Berufung, und weil sie es erlebt haben: Das Gespür für die eigene Berufung kann auch wachsen in der Begegnung mit den Berufungswegen anderer.

Schwester María Emilia Loor

Schwester María Emilia Loor, Rechtsanwältin, geboren 1965 in Ecuador, derzeitiger Arbeitsschwerpunkt: Arbeit in der Schönstattbewegung in Ecuador

Gott hat mir eine große, echt katholische Familie geschenkt, die nicht nur aus den christlichen Geboten lebt, sondern auch vom Wunsch geprägt ist, anderen Menschen zu helfen. Mit meinen Eltern gingen wir täglich zur heiligen Messe, hatten Kontakt mit Priestern und Mitgliedern verschiedener religiösen Gemeinschaften.

Seit meiner Kindheit schenkte ich den Missionaren in Afrika besondere Aufmerksamkeit. Auch ich wollte Missionarin werden, aber zugleich heiraten.

Mit neun Jahren lernte ich Schönstatt kennen und arbeitete in der Bewegung bei sozialen und kirchlichen Projekten aktiv mit. Wir bildeten mit den übrigen Mitgliedern der Schönstattjugend und anderen kirchlichen Gruppen einen heiteren Freundeskreis, mit dem wir auch an Festen und allgemeinen Kinderbelustigungen teilnahmen.

Manchmal kam mir der Gedanke, mein Leben Gott zu weihen, doch ich ging dem aus dem Weg. Als ich mit meinem Jurastudium an der Universität begonnen habe, trat dieser Berufswunsch in den Hintergrund, denn das Interesse für Politik und meine Karriere stand mehr im Mittelpunkt.

Einmal, während den Exerzitien, als ich einen Satz aus dem Evangelium gelesen habe, ging mir ein Licht auf: „In deinem Namen werfe ich die Netze aus“.

Ich habe mich nicht selbstverständlich für Schönstatt entschieden, obwohl ich zur Bewegung gehörte, denn meines Erachtens betonte man dort die Schulung viel mehr als das Apostolat.

Durch mein Universitätsstudium hatte ich Kontakt mit politischen Führern oder mit sozialen Vereinigungen. Mir kam zum Bewusstsein, dass diese viel sagen konnten, aber ihr Leben entsprach nicht ihren Worten. Einige lebten in nicht geordneten familiären Situationen, in zerrütteten Ehen, usw.
Durch diese Erfahrung habe ich die Bedeutung der Führerschulung verstanden. Es kommt nicht nur darauf an, was sie tun, sondern auch auf ihr alltägliches Leben.

Ich konnte auch an einem internationalen Treffen der Schönstattfamilie am Ursprungsort in Deutschland teilnehmen und so die Sendung des Gründers tiefer kennen lernen, sowie deren Notwendigkeit und Aktualität. Dann kehrte ich in meine Heimat zurück, bereit, mich für Schönstatt zu entscheiden.
Was mich ebenfalls anregte, war der Besuch von Papst Johannes Paul II. in Ecuador; seine Person und die Begegnungen mit ihm waren sehr wichtig. (So war es nicht überraschend, dass im Jahr danach fünf Jura-Studentinnen unserer Fakultät sich für das geweihte Leben entschieden haben.)

Aber wann? Mir fehlten noch drei Semester um meine Karriere zu beenden und ich wusste, dass es für meine Eltern eine Freude wäre, wenn ich das täte. Doch Gott drängte. Alle Dinge und Tätigkeiten, die mich zuvor interessierten, einschließlich der Politik, verloren ihre Anziehungskraft, ebenso das Studium, die Feste, usw. Dafür hatte ich viel Freude an den Aktivitäten in der Bewegung und im Zusammensein mit den Schwestern. So entschied ich mich, alles zu verlassen und dem Ruf Christi zu folgen. (Als Marienschwester konnte ich später mein Studium beenden, erwarb den akademischen Titel als Rechtsanwältin und kann diesen Beruf gegebenenfalls ausüben.)

Anfangs hatte ich das Gefühl, Gott einen Gefallen getan zu haben, denn ich hatte alles verlassen, um ihm zu folgen. Aber in dem Maß, als ich mich tiefer auseinander setzte mit meinem Schwesternleben, stellte ich fest, dass ich von Gott ein unverdientes Geschenk bekommen habe und dieser Erwählung nicht würdig war. Und trotzdem hat er mich gerufen.

Zur Gemeinschaft der Marienschwestem zu gehören ist für mich ein großes Geschenk und ich bin wirklich glücklich, dass ich Christus dienen darf bei der Formung vieler Menschen nach dem Bild Mariens. In dieser Gemeinschaft habe ich eine neue Familie gefunden.

Wichtig war für mich auch die Unterstützung meiner Eltern und Geschwister. Wir sind acht Kinder, zwei davon haben sich Gott geweiht. Unsere Berufung ist die Frucht der Liebe und Erziehung, die wir von unseren Eltern bekamen. Von ihnen lernten wir im Alltag aus dem Glauben leben und zwar froh, konkret und überzeugt davon, dass Gott-Vater uns immer leitet und uns jeden Augenblick zur Seite steht.

Schwester M. Elisabeth/Eiko Kobayashi

Schwester M. Elisabeth/Eiko Kobayashi, Gemeindereferentin, geboren 1939 in Japan, derzeitiger Arbeitsschwerpunkt: Tätigkeit in der Seelsorge und Führungsaufgabe innerhalb der Gemeinschaft

 Frei - und doch nicht ungebunden

„Sorge aber dafür, dass du das, was du werden darfst, auch in vollendeter Form wirst.“ Meine buddhistischen Eltern waren nicht dabei, als ich am 5. März 1967 in das Säkularinstitut der Schönstätter Marienschwestern aufgenommen wurde und der Gründer der internationalen Schönstattbewegung, Pater Josef Kentenich, diesen Satz aus ihrem Brief an mich vorlas. Mehrere Jahre zuvor und tausende Kilometer entfernt, in Japan, hatte mit dem Glockenläuten einer kleinen katholischen Kirche die Geschichte begonnen, die mich an diesem Sonntag Laetare Schwester Maria Elisabeth werden ließ.

Mein Weg zur Taufe

„Bimbambim, bimbambim, bimbambim - Stille - bimbam, bimbam, bimbam.“ Jeden Abend, wenn wir Kinder am Ufer des Flusses im Sand spielten, standen wir auf, um die Glockenschläge mitzuzählen. Sie waren das Zeichen, mit dem Spielen aufzuhören - es war Zeit zum Abendessen.

Mehr wusste ich damals nicht über Glaube und Kirche, als dass dieses Läuten von jener Kirche herüberschallte. Ich selbst war, wie meine Eltern auch, Buddhistin - hatte aber vom Buddhismus eigentlich keine Ahnung. Die Vorstellung von einem Paradies, in dem man nach dem Tod zwischen blühenden Blumen spazieren ging, war schon da, wie wohl bei allen Japanern oder Asiaten, die von Natur her religiös sind.

Als ich noch nicht ganz vierzehn Jahre alt war, lud mich meine Schulfreundin eines Tages ein, mit ihr zusammen in die katholische Kirche zu gehen. Diese Freundin hatte mir imponiert, seit ich sie kennen gelernt hatte: ihr freundliches, strahlendes Gesicht, ihr nettes Wesen, nie sprach sie ein böses Wort. Und immer wieder fragte ich mich im Stillen, woher sie das nur hätte. Ich war froh, als wir uns anfreundeten, und an einem Sonntag im Oktober besuchte ich gemeinsam mit ihr die katholische Kirche. Die Glocken läuteten - und ich erinnerte mich an meine Kindheit, an das Spielen am Fluss und unser ,Bimbambim-Zählen“.
Ich habe kein Wort verstanden, was da am Altar gesprochen wurde. Nach dem Gottesdienst habe ich zu meiner Freundin gesagt: „Ich geh nicht mehr in diese Kirche, ich versteh ja kein Wort von dem, was er sagt!“ - Meine Freundin war gar nicht enttäuscht, sondern antwortete: „Brauchst auch nicht in die Kirche zu gehen, kannst mit mir zum Pfarrhaus kommen. Wir haben immer samstags nachmittags Religionsunterricht. Da kannst du mal zuhören, da verstehst du alles!“

Am kommenden Samstag bin ich nach der Schule dann wirklich ins Pfarrhaus mitgegangen. Der Missionar und eine Katechetin erklärten uns, dass es nicht nur irgendein Paradies mit Blumen gäbe, sondern dass da eine Person sei: ein Schöpfergott, der die Welt und jeden einzelnen Menschen aus Liebe ins Dasein gerufen habe und der uns für immer in seiner Nähe haben wollte. Ich war fasziniert, vom Gnadenleben zu hören, das wir durch die Taufe erhalten. Um Mensch in vollendeter Form zu werden, hörte ich, dürfe man nicht auf der natürlichen Ebene stehen bleiben, sondern eine ganz neue, die übernatürliche Wirklichkeit suchen und in sich tragen. Und das sollte in der Taufe geschehen.

Ich überlegte - ja, ich wollte ein vollkommener Mensch, ein Mensch in vollendeter Form werden. Ich wollte getauft werden! Das war eine Entscheidung - ich wollte Christ werden! Der Missionar prüfte intensiv die Ernsthaftigkeit meiner Entscheidung und verlangte, dass ich die Erlaubnis meiner Eltern einhole. Meine Eltern wussten zwar von meinen Besuchen im Pfarrhaus, hatten sie aber bis dahin nicht ernst genommen. Meine Mutter hielt das Christentum für einen exklusiven Glauben für Europäer und Amerikaner. Wir hätten doch einen guten Glauben, wir seien doch gute Buddhisten, versicherte sie mir. Und zudem würde ich als Christin, wenn ich später heiraten wollte, keinen guten Mann finden.

Nein, meine Eltern nahmen meine Pläne wirklich nicht ernst. So beschloss ich, drei Monate lang gar nicht mehr über das Thema zu sprechen, sondern ihnen einfach vorzuleben, wie anders ein Mensch wird, der an Jesus glaubt. Also wurde ich eine fleißige Schülerin, räumte mein Zimmer stets auf, war nett und aufmerksam zu meinen Geschwistern, und wenn ich in die Kirche gehen wollte, erledigte ich zuvor alles, was meine Mutter von mir erwartete. So konnte sie nichts sagen.

Nach genau einem Vierteljahr habe ich wieder gefragt, und meine Mutter sagte: „Eiko, dafür brauchen wir doch so einen Glauben nicht, jetzt hör endlich auf damit.“ Niedergeschlagen und enttäuscht ging ich zu dem Missionar und sagte, meine Eltern gäben mir die Erlaubnis nicht. Er aber antwortete: „Ich gehe zu deinen Eltern und bitte um die Erlaubnis.“ Das war eine Sensation! In unserem Ort mit 80.000 Einwohnern gab es nur einen einzigen Europäer - eben diesen Missionar -, und der besuchte meine Eltern!

An einem Donnerstagabend wollte er um 19.00 Uhr abends da sein. Sofort nach dem Abendessen verließ ich das Haus, ich wollte nicht da sein, wenn er kam. Von draußen aber habe ich dann genau beobachtet, was passierte. Es dauerte lange, hin und wieder hörte ich sie lachen oder meine Mutter mit ganz herzlichem Tonfall sprechen - verstanden habe ich aber nichts. Was reden sie so lange, dachte ich bei mir. Endlich dann, nach zwei Stunden, verabschiedete sich der Missionar. Rasch huschte ich ins Haus, rief nur schnell „Gute Nacht“ und lief in mein Zimmer.

Am anderen Morgen, bevor ich zur Schule ging, sagte meine Mutter mit ruhiger Stimme: „Eiko, gestern abend war der Missionar hier.“ Ich nickte. „Er imponiert mir. Er hat ja keine Angst vor dem Sterben. So einen Menschen habe ich zum erstenmal gesehen und erlebt.“ Sie war ganz angetan, und endlich kam der erlösende Satz: „Du darfst Christ werden.“ Voll Freude ging ich ans Telefon, rief den Missionar an und sagte ihm, meine Eltern hätten ihre Erlaubnis erteilt. Einen Tag später wurde ich getauft.

Kurz vor der Taufe kam der Missionar zu mir und sagte, er wolle mir einen Taufnamen schenken. „Wenn du gefragt wirst, auf welchen Namen du getauft werden möchtest, antwortest du: Elisabeth.“ Ich war furchtbar aufgeregt: jetzt sollte ich das Gnadenleben empfangen, jetzt würde ich ein ganz anderer Mensch - ein Gotteskind! Es folgte die große Enttäuschung: Ich spürte überhaupt nichts und fühlte mich innerlich wie äußerlich genauso wie vorher!

Die große Freiheit

Ich lernte, dass die Taufe ein Anfang ist. Der Priester lehrte mich, die Tiefe des Glaubens und meine persönliche Beziehung zu Gott zu entdecken, vor allem zum Einswerden mit Jesus in der Eucharistie. Es wurde mir wichtig, die heilige Messe zu besuchen und die heilige Kommunion zu empfangen, mich in der Beichte mit Jesus zu versöhnen. Der Missionar, der wirklich ein guter Führer im geistlichen Leben war, leitete mich an, „ein gutes Gotteskind“ zu werden. Dieses Wort hat sich damals tief in mein Herz eingeprägt, es war für mich das Wort Gottes: ein gutes Gotteskind werden. - Eine kleine Anekdote will ich hier rasch erzählen: Als ich später dann das Abitur ablegte, stand in meinem Abiturzeugnis: Seitdem Eiko getauft worden ist, ist sie noch netter und lieber als zuvor und ein Vorbild für ihre Mitschüler geworden.

Wenn Gott ruft, will er ganze und freie Entscheidungen. Das ist der Grund, warum Gott ernste Prüfungen und große Enttäuschungen gerade dort zulässt, wo sie uns am empfindlichsten treffen. Unser Missionar hatte einen Plan, für den er einige Mitarbeiter gewinnen wollte. Er wollte in Japan eine Gemeinschaft für Mädchen und später für Familien gründen, und hierfür brauchte er Mitarbeiter. Ich war so eifrig und begeistert, dass ich spontan zusagte. Doch der Bischof billigte sein Projekt nicht und versetzte ihn nach Brasilien. Dort, so sagte er uns dann, dürfe er nun sein Projekt durchführen, und er bat uns, später nachzukommen, um ihm dort zu helfen. Vor seiner Abreise nach Brasilien trafen wir uns noch einmal mit ihm, und als Zeichen der Einheit und Treue schenkte er uns allen ein Kreuz und ein Marienbild. Nach einem halben Jahr sollten wir ihm dann nach Brasilien folgen. Wir versprachen es und beantragten Visum und Flugticket.

In dieser Zeit quälte mich immer der Zweifel, ob dies wirklich mein Weg sei. Es ging um die Arbeit am Reich Gottes, die wollte ich tun - also mußte ich nach Brasilien gehen. Doch das Reich Gottes aufzubauen, das konnte ich genauso gut hier in Japan! War es also richtig, dass ich ihm versprochen hatte, ihm nachzufolgen? Einerseits wollte ich meinem Versprechen dem Missionar gegenüber, dem ich meinen christlichen Glauben verdankte, treu bleiben, andererseits wollte ich meine Freiheit haben. Schließlich habe ich den Missionar gebeten, mir Zeit zu lassen, noch ein paar Jahre hier in Japan zu arbeiten.

Diese Bitte muß ihn furchtbar enttäuscht haben, denn er schickte mir ein langes Telegramm. Darin mahnte er mich, an meine Sterbestunde zu denken und mir klar zu werden, welch große Sünde ich durch diesen Treuebruch begehen würde. Ich war schockiert und hilflos. Ich weiß noch gut, an diesem Tag, am 18. Januar 1962, habe ich den ganzen Tag stumm und regungslos vor dem Fernseher gesessen, kein Wort gesprochen und nichts gegessen. In dieser Nacht habe ich keine Minute geschlafen. Ich wusste nicht, ob und wie Gott mich rufen würde - und ich hätte laut schreien können wegen dieser Ungewissheit!
Meine Eltern hatten uns Kinder - wir waren sechs Geschwister - sehr frei erzogen. Sie hatten nicht viel Zeit für uns, weil sie einen kleinen Familienbetrieb führen mußten, aber sie haben uns gelehrt und vorgelebt, was Freiheit heißt. Vor allem mein Vater liebte die Freiheit. Das Wichtigste war ihm, dass jedes Kind seinen eigenen Weg gehen sollte. Und sie schenkten uns großes Vertrauen. Sie haben sich nicht besonders für unsere Schulleistungen interessiert. Wir brachten meistens gute Zeugnisse mit nach Hause, aber entscheidend war für meine Eltern die Überzeugung: Unsere Kinder sind gut. Unsere Kinder machen ihre Sache gut.

Ich glaube, dieses elterliche Vertrauen hat mir in meinen Kämpfen um den rechten Weg sehr geholfen. Am nächsten Morgen entschied ich mich endgültig, hier in Japan zu bleiben. Und würde der Missionar nun kommen und gar die Polizei schicken, um mich wegen Beleidigung und Treuebruch bestrafen zu lassen, dann sollte er es tun - doch meine innere Freiheit, die wollte ich behalten. Als ich meine Entscheidung getroffen hatte, fühlte ich mich sehr erleichtert. Ich teilte meine Entscheidung meiner Mutter mit. Sie sagte gar nichts zu Flugticket und Visum, sondern antwortete ganz ruhig: „Du hast so lange gerungen, es ist gut, wie du dich entschieden hast. Ich hatte diese Entscheidung erhofft, habe aber nichts gesagt. Und doch ist es besser, jetzt nicht hier zu bleiben, sonst wird Dich jeder fragen, warum du nicht nach Brasilien gegangen bist, und das wird deine Seele stets aufs neue verwunden. Geh von hier weg, damit du frei bist!“ In diesem Moment habe ich meine Mutter ganz tief schätzen gelernt.

In der Nacht brach ich auf. Ich hatte nach dein Abitur zwei Jahre das College besucht und den Beruf der Erzieherin erlernt. Und nun arbeitete ich zwei Jahre lang in einem Kindergarten, der von Vinzentinerinnen geleitet wurde, 700 Kilometer von zu Hause entfernt. Die Arbeit bereitete mir Freude, und ich lernte viel. Zwei Jahre blieb ich dort, dann ging ich zurück in meine Heimatstadt. Ein netter Missionar hatte dort inzwischen einen modernen Kindergarten gebaut und eingerichtet, und er brauchte mich. Mir ging es also gut. Und dennoch beschäftigte mich die Frage, wie wohl mein Leben weitergehen sollte? Natürlich wollte ich Jesus ganz und gar gehören, zugleich aber unter den Menschen bleiben, hier apostolisch tätig sein und nicht in ein Kloster gehen. Die Klöster und Gemeinschaften, die ich in den Jahren kennen gelernt hatte, boten diese Möglichkeit nicht. Aber gab es überhaupt eine Gemeinschaft, in der ich diese Ziele verfolgen konnte? Ich mußte meinen Weg suchen ...

Auf der Suche

Eines Tages erhielt ich einen Brief von einer Bekannten, die einige Jahre vorher nach Deutschland gegangen war. Sie schrieb mir, sie habe in Deutschland eine Gemeinschaft entdeckt, ein Säkularinstitut, dessen Mitglieder keine Gelübde ablegten. Diese Gemeinschaft gebe es in Japan nicht.

Ich war nicht besonders begeistert von Gelübden; der Missionar hatte uns Mädchen vorgeschlagen, das Gelübde der Jungfräulichkeit abzulegen. Ich wollte mich aber nicht fest binden, wollte statt dessen lieber von innen heraus aus meinem freien Willen entscheiden. So interessierte mich dieses Säkularinstitut, diese Gemeinschaft wollte ich kennen lernen. Die Arbeit als Kindergärtnerin bereitete mir viel Freude. Und da unsere Arbeit gute Früchte trug und wir uns so gut verstanden, beschlossen wir, nun einen ganz neuartigen christlichen Kindergarten oder ein Heim aufzubauen. Dazu aber war es erforderlich, christliche Pädagogik zu studieren - und weil das Christentum aus Europa kam, müßte man nach Europa gehen.

Das also konnte mein Weg sein: meine Arbeit hier fortführen, nicht ins Kloster eintreten und diese Gemeinschaft kennen lernen. So schrieb ich also meiner Bekannten, ich wolle in Europa „christliche Pädagogik“ studieren und würde gerne einmal diese Gemeinschaft kennen lernen, der sie sich inzwischen angeschlossen hatte. Tatsächlich erhielt ich kurz darauf einen Brief aus Deutschland. Eine Schwester M. Longina - die Provinzialoberin der süddeutschen Provinz der Schönstätter Marienschwestern - schrieb: „Fräulein Eiko Elisabeth, Sie können bei uns drei Jahre lang studieren, ein Jahr Sprache und zwei Jahre Pädagogik. Sie können zudem in unserem Kindergarten tätig sein oder unsere Erziehungsweise in unserem Seminar studieren. Und Quartier und Verpflegung stellen wir Ihnen ebenso gerne zur Verfügung.“ Ich fiel aus allen Wolken - besser konnte das Angebot nicht sein. Mit diesem Brief in der Tasche konnte ich mir die nötigen Papiere für die Reise nach Europa besorgen, ich sollte deutsch lernen, christliche Pädagogik studieren - war vollkommen frei und konnte diese Gemeinschaft kennen lernen!

Nachdem ich das nötige Geld gesammelt und mir alle Papiere besorgt hatte, teilte ich meinen Eltern meine Entscheidung mit. Mein Vater antwortete ganz ruhig: „Eiko, du bist frei, du kannst auf den Mond fliegen oder wohin du willst - nur, du musst es verantworten.“ Und er fügte hinzu, wenn ich nun nach Europa ginge, sollte ich meinen Weg suchen. Ich sei nicht mehr so jung, und ich müsse mich nun für einen Weg entscheiden, für meinen Lebensweg. Wenn ich heiraten, eine Familie gründen wollte, so sei das ein schöner Weg, der viel Freude mit sich bringe, aber auch Leid. Wählte ich den anderen Weg, so würde auch der zu großer Freude führen, aber zu Einsamkeit und Alleinsein. Wichtig sei nur, sich zu entscheiden.

Am 3. April 1965 bestieg ich das Flugzeug. Das war damals eine Sensation - eine junge Frau flog alleine nach Europa! Mein Herz pochte, als ich diese Reise ins Unbekannte antrat.

Meine Bekannte, die inzwischen Schönstätter Marienschwester war und nun Sr. M. Theresia hieß, holte mich in Zürich am Flughafen ab. Von ihrer Gemeinschaft erzählte sie kaum etwas, sondern empfahl mir, ich solle mir alles mit eigenen Augen anschauen. Von Zürich fuhren wir mit dem Zug auf die Liebfrauenhöhe, auf der das Provinzhaus der süddeutschen Provinz steht und das Erzieherinnenseminar. Das erste, was ich sah, als ich mein Zimmer betrat, war - das Marienbild, das mir der Missionar in meiner Heimatstadt vor seiner Abreise nach Brasilien geschenkt hatte! Dieses Bild aber hatte ich ihm doch nach Brasilien geschickt, um in meinem ganzen Leben nichts mehr mit ihm zu tun zu haben. Und nun sehe ich nicht nur in meinem Zimmer, sondern in jedem Zimmer dieses Marienbild.

Ich war schockiert und niedergeschlagen. Woher der Missionar dieses Bild hatte, wusste ich nicht. Ich ging auf die Suche nach dein Ursprung dieses Marienbildes, das die Schwestern „MTA-Bild“ nannten. MTA bedeutet: „Mater ter Admirabilis“ - Dreimal Wunderbare Mutter. Es ist der Titel, unter dem Maria in Schönstatt verehrt wird. Dieses Bild stand am Anfang der Schönstattbewegung, es ist das Schönstätter Gnadenbild, das sich in jedem Schönstatt-Heiligtum befindet. Später, als ich mehr über Schönstatt erfahren hatte, wurde mir klar, dass der Missionar versucht hatte, in Japan und später in Brasilien etwas Ähnliches wie die Schönstattbewegung, hiervon aber unabhängig, zu gründen, und dafür das Schönstatt-Bild mitgenommen hatte. Ich hatte dieses Bild kennen gelernt, lange bevor ich Schönstatt kannte und war nun - Gott sei Dank! - nicht nach Brasilien, sondern zum Ursprung geführt worden. Später haben mir dieses Gnadenbild und das Schönstattheiligtum viel Kraft und das Gefühl, zu Hause zu sein, geschenkt.

Entscheidende Begegnung

Nun traf ich auf die Schwestern vom Säkularinstitut der Schönstätter Marienschwestern. Alle sahen gleich aus für mich, ich sah keinen Unterschied. Die Musiklehrerin im Seminar und die Küchenschwester konnte ich anfangs nur an der Stimme unterscheiden. Schw. M. Longina, die Provinzoberin, war ein ganz froher und freier Mensch. Nicht nur sie: alle schienen froh und heiter, und ich habe mich - wie damals in der Schule bei meiner Freundin - gefragt: Woher haben die das nur? Ich hatte den Eindruck, sie stünden unter keinerlei Druck oder Zwang, sie wirkten vollkommen locker und frei.

Mit den wenigen deutschenWorten, die ich sprechen konnte, fragte ich die Schwestern dann, warum sie so froh und gelöst seien - und ich wandte mich besonders an diejenigen, von denen ich wusste oder denen ich anmerkte, dass sie ein Leid mit sich trugen. Auch diese strahlten Freude und Freiheit aus. So habe ich während meines ersten Jahres in Deutschland viel Zeit der Beobachtung der Marienschwestern gewidmet, und zum Schluß war ich zufrieden. Mehr und mehr war ich überzeugt, das, was ich immer gesucht hatte, nämlich ohne Zwang, ohne Müssen, von innen heraus und in Freiheit ganz hoch hinauf zu steigen, hier in Schönstatt gefunden zu haben. Ich erinnere mich gut, wie ich innerlich zustimmte, als ich später den Satz aus der Anfangszeit Schönstatts las: „Wir wollen lernen, uns unter dem Schutze Mariens selbst zu erziehen zu festen, freien Charakteren ...“ Ich war fasziniert und interessierte mich natürlich bald schon für den Gründer einer solch freien und schönen Gemeinschaft. Ob er noch lebte? Ob ich ihn kennen lernen dürfte?

Am 25. März 1966, knapp ein Jahr nach meiner Ankunft in Deutschland, durfte ich den Gründer, Pater Josef Kentenich, besuchen. Diese Begegnung werde ich nie vergessen. Noch nie hatte ich zuvor einen Menschen erlebt, der mich kleines Wesen auf Anhieb so gut verstanden hatte. Zudem war ich ja erst seit einem Jahr in Deutschland und konnte mich kaum verständlich machen. So war ich sehr verschlossen. Doch als ich mit Pater Kentenich zusammen war, war alles ganz anders. Stammelte ich mühsam zwei oder drei deutsche Worte, so formulierte er hieraus diejenigen Sätze, die ich eigentlich hatte sagen wollen. Er war es, der meine Gedanken formulierte, und dabei tiefe Güte und verständnisvolle Liebe ausstrahlte.

Wir waren wie in einer Welt, in der niemand anderes existiert. Natürlich imponierte mir besonders, dass er in keiner Weise versuchte, mich zu überreden. Er respektierte meine innere Freiheit und verstand meine Sehnsucht nach Freiheit. Ich spürte mich verstanden und geborgen, und es schien mir, als habe Gott von meiner Taufe bis zu dieser Begegnung mit Pater Kentenich eine Schnur gezogen, an der er mich ans Ziel führen wollte. Ich hatte meinen Weg gefunden. Und ich entschied mich für den Eintritt in diese Gemeinschaft, weil dieser Mann, Pater Kentenich sie gegründet hatte.

Was ich nach meiner Taufe still in meinem Herzen getragen hatte, die Sehnsucht, ein vollkommener, ein heiliger Mensch, ein Mensch in vollendeter Form zu werden, das würde sich sicher nun in dieser Gemeinschaft erfüllen. Diese Sicherheit hatte ich aus der Begegnung mit Pater Kentenich mitgenommen. Meine Entscheidung war gefallen, und ich schrieb meinen Eltern - selbstverständlich auch von Pater Kentenich. Sie bräuchten sich keine Sorgen um mich zu machen, nur hätte ich die eine Sorge: niemals gutmachen zu können, was sie mir geschenkt hätten.

Mein Vater schrieb darauf einen langen Brief in Pater Kentenich - ich mußte ihn übersetzen, und der Gründer freute sich sehr über diesen Brief. Seine Tochter, so schrieb mein Vater, habe ihm mitgeteilt, dass sie in eine neue Familie, in die Gemeinschaft, die er gegründet habe, eintreten wolle. Und wenn seine Tochter nun in diese Familie eintrete, so habe er, der Gründer und Vater dieser Familie, von jetzt an auch das Erziehungsrecht. Das wolle er ihm heute nun übertragen und ihn bitten, mich zu einem möglichst vollkommenen Menschen zu erziehen. Mein Vater schrieb auch mir und wiederholte, was er mir gesagt hatte, als ich nach Europa ging: „Wenn du zwanzig Jahre später auf deinen Weg zurückschauen und sagen können wirst, du seiest glücklich, dann hast du dich richtig entschieden.“ Und er fuhr fort: „Wenn du die Gemeinschaft der Marienschwestern wählen willst, so tue es, du hast die Freiheit. Vergiss aber nie, den Schwestern, die dich annehmen, recht dankbar zu sein, und diese Dankbarkeit in vorzüglicher Weise denen zu erweisen, die irgendwie und wann einmal deiner Hilfe bedürfen. Im übrigen, du weißt, was du zu tun hast. Sorge aber dafür, dass du das, was du werden darfst, auch in vollendeter Form wirst.“

Rückblick

Es sind nun bald 40 Jahre, auf die ich zurückblicken kann seit meinem Eintritt in die Gemeinschaft der Schönstätter Marienschwestern. Ich bin glücklich. In dieser Gemeinschaft habe ich alles gefunden, was ich als Sehnsucht nach meiner Taufe still in meinem Herzen getragen habe.

Nach meiner Taufe wurden an unserem Gymnasium sieben andere Mädchen ebenfalls katholisch. Ich hatte hieran einen bescheidenen Anteil. Die Gemeinschaft der Schönstätter Marienschwestern ist sehr apostolisch. Wir stehen mitten in der Welt, leben nicht hinter Klostermauern, wir suchen einen Weg, durch unser So-Sein und unser Tun Menschen zu Gott zu führen und die Welt zu erneuern - von innen her.

Immer wieder werde ich gefragt, ob ich es jemals bereut habe, dass ich nicht nach Japan zurückgekehrt bin. Es gab in den ersten Jahren eine Reihe Angebote, nach Japan zu gehen. Anfangs war es eh unmöglich, dorthin zu gehen, weil die Ausbildung noch andauerte. Spätere Angebote zerschlugen sich, weil die Wünsche des zuständigen Bischofs in Japan nicht zu unserem Weg passten. So bin ich in Deutschland geblieben und arbeite seit über 20 Jahren als Gemeindereferentin. Ich fühle mich in Gottes Hand, ganz gleich, ob ich in Deutschland, in Afrika oder Japan bin! Wo er mich haben möchte, da ist mein schönster Platz und meine Heimat. Gott hat mit uns seine Pläne. Ich bin Japanerin, keine Deutsche und vielleicht, so denke ich, soll ich für Japan, das sich so schwer tut, den christlichen Glauben anzunehmen, irgendwann einmal ein Saatkorn werden ...

Frei - und doch nicht ungebunden

„Sorge aber dafür, dass du das, was du werden darfst, auch in vollendeter Form wirst.“ Meine buddhistischen Eltern waren nicht dabei, als ich am 5. März 1967 in das Säkularinstitut der Schönstätter Marienschwestern aufgenommen wurde und der Gründer der internationalen Schönstattbewegung, Pater Josef Kentenich, diesen Satz aus ihrem Brief an mich vorlas. Mehrere Jahre zuvor und tausende Kilometer entfernt, in Japan, hatte mit dem Glockenläuten einer kleinen katholischen Kirche die Geschichte begonnen, die mich an diesem Sonntag Laetare Schwester Maria Elisabeth werden ließ.


Mein Weg zur Taufe

„Bimbambim, bimbambim, bimbambim - Stille - bimbam, bimbam, bimbam.“ Jeden Abend, wenn wir Kinder am Ufer des Flusses im Sand spielten, standen wir auf, um die Glockenschläge mitzuzählen. Sie waren das Zeichen, mit dem Spielen aufzuhören - es war Zeit zum Abendessen.

Mehr wusste ich damals nicht über Glaube und Kirche, als dass dieses Läuten von jener Kirche herüberschallte. Ich selbst war, wie meine Eltern auch, Buddhistin - hatte aber vom Buddhismus eigentlich keine Ahnung. Die Vorstellung von einem Paradies, in dem man nach dem Tod zwischen blühenden Blumen spazieren ging, war schon da, wie wohl bei allen Japanern oder Asiaten, die von Natur her religiös sind.

Als ich noch nicht ganz vierzehn Jahre alt war, lud mich meine Schulfreundin eines Tages ein, mit ihr zusammen in die katholische Kirche zu gehen. Diese Freundin hatte mir imponiert, seit ich sie kennen gelernt hatte: ihr freundliches, strahlendes Gesicht, ihr nettes Wesen, nie sprach sie ein böses Wort. Und immer wieder fragte ich mich im Stillen, woher sie das nur hätte. Ich war froh, als wir uns anfreundeten, und an einem Sonntag im Oktober besuchte ich gemeinsam mit ihr die katholische Kirche. Die Glocken läuteten - und ich erinnerte mich an meine Kindheit, an das Spielen am Fluss und unser ,Bimbambim-Zählen“.
Ich habe kein Wort verstanden, was da am Altar gesprochen wurde. Nach dem Gottesdienst habe ich zu meiner Freundin gesagt: „Ich geh nicht mehr in diese Kirche, ich versteh ja kein Wort von dem, was er sagt!“ - Meine Freundin war gar nicht enttäuscht, sondern antwortete: „Brauchst auch nicht in die Kirche zu gehen, kannst mit mir zum Pfarrhaus kommen. Wir haben immer samstags nachmittags Religionsunterricht. Da kannst du mal zuhören, da verstehst du alles!“

Am kommenden Samstag bin ich nach der Schule dann wirklich ins Pfarrhaus mitgegangen. Der Missionar und eine Katechetin erklärten uns, dass es nicht nur irgendein Paradies mit Blumen gäbe, sondern dass da eine Person sei: ein Schöpfergott, der die Welt und jeden einzelnen Menschen aus Liebe ins Dasein gerufen habe und der uns für immer in seiner Nähe haben wollte. Ich war fasziniert, vom Gnadenleben zu hören, das wir durch die Taufe erhalten. Um Mensch in vollendeter Form zu werden, hörte ich, dürfe man nicht auf der natürlichen Ebene stehen bleiben, sondern eine ganz neue, die übernatürliche Wirklichkeit suchen und in sich tragen. Und das sollte in der Taufe geschehen.

Ich überlegte - ja, ich wollte ein vollkommener Mensch, ein Mensch in vollendeter Form werden. Ich wollte getauft werden! Das war eine Entscheidung - ich wollte Christ werden! Der Missionar prüfte intensiv die Ernsthaftigkeit meiner Entscheidung und verlangte, dass ich die Erlaubnis meiner Eltern einhole. Meine Eltern wussten zwar von meinen Besuchen im Pfarrhaus, hatten sie aber bis dahin nicht ernst genommen. Meine Mutter hielt das Christentum für einen exklusiven Glauben für Europäer und Amerikaner. Wir hätten doch einen guten Glauben, wir seien doch gute Buddhisten, versicherte sie mir. Und zudem würde ich als Christin, wenn ich später heiraten wollte, keinen guten Mann finden.

Nein, meine Eltern nahmen meine Pläne wirklich nicht ernst. So beschloss ich, drei Monate lang gar nicht mehr über das Thema zu sprechen, sondern ihnen einfach vorzuleben, wie anders ein Mensch wird, der an Jesus glaubt. Also wurde ich eine fleißige Schülerin, räumte mein Zimmer stets auf, war nett und aufmerksam zu meinen Geschwistern, und wenn ich in die Kirche gehen wollte, erledigte ich zuvor alles, was meine Mutter von mir erwartete. So konnte sie nichts sagen.

Nach genau einem Vierteljahr habe ich wieder gefragt, und meine Mutter sagte: „Eiko, dafür brauchen wir doch so einen Glauben nicht, jetzt hör endlich auf damit.“ Niedergeschlagen und enttäuscht ging ich zu dem Missionar und sagte, meine Eltern gäben mir die Erlaubnis nicht. Er aber antwortete: „Ich gehe zu deinen Eltern und bitte um die Erlaubnis.“ Das war eine Sensation! In unserem Ort mit 80.000 Einwohnern gab es nur einen einzigen Europäer - eben diesen Missionar -, und der besuchte meine Eltern!

An einem Donnerstagabend wollte er um 19.00 Uhr abends da sein. Sofort nach dem Abendessen verließ ich das Haus, ich wollte nicht da sein, wenn er kam. Von draußen aber habe ich dann genau beobachtet, was passierte. Es dauerte lange, hin und wieder hörte ich sie lachen oder meine Mutter mit ganz herzlichem Tonfall sprechen - verstanden habe ich aber nichts. Was reden sie so lange, dachte ich bei mir. Endlich dann, nach zwei Stunden, verabschiedete sich der Missionar. Rasch huschte ich ins Haus, rief nur schnell „Gute Nacht“ und lief in mein Zimmer.

Am anderen Morgen, bevor ich zur Schule ging, sagte meine Mutter mit ruhiger Stimme: „Eiko, gestern abend war der Missionar hier.“ Ich nickte. „Er imponiert mir. Er hat ja keine Angst vor dem Sterben. So einen Menschen habe ich zum erstenmal gesehen und erlebt.“ Sie war ganz angetan, und endlich kam der erlösende Satz: „Du darfst Christ werden.“ Voll Freude ging ich ans Telefon, rief den Missionar an und sagte ihm, meine Eltern hätten ihre Erlaubnis erteilt. Einen Tag später wurde ich getauft.

Kurz vor der Taufe kam der Missionar zu mir und sagte, er wolle mir einen Taufnamen schenken. „Wenn du gefragt wirst, auf welchen Namen du getauft werden möchtest, antwortest du: Elisabeth.“ Ich war furchtbar aufgeregt: jetzt sollte ich das Gnadenleben empfangen, jetzt würde ich ein ganz anderer Mensch - ein Gotteskind! Es folgte die große Enttäuschung: Ich spürte überhaupt nichts und fühlte mich innerlich wie äußerlich genauso wie vorher!


Die große Freiheit

Ich lernte, dass die Taufe ein Anfang ist. Der Priester lehrte mich, die Tiefe des Glaubens und meine persönliche Beziehung zu Gott zu entdecken, vor allem zum Einswerden mit Jesus in der Eucharistie. Es wurde mir wichtig, die heilige Messe zu besuchen und die heilige Kommunion zu empfangen, mich in der Beichte mit Jesus zu versöhnen. Der Missionar, der wirklich ein guter Führer im geistlichen Leben war, leitete mich an, „ein gutes Gotteskind“ zu werden. Dieses Wort hat sich damals tief in mein Herz eingeprägt, es war für mich das Wort Gottes: ein gutes Gotteskind werden. - Eine kleine Anekdote will ich hier rasch erzählen: Als ich später dann das Abitur ablegte, stand in meinem Abiturzeugnis: Seitdem Eiko getauft worden ist, ist sie noch netter und lieber als zuvor und ein Vorbild für ihre Mitschüler geworden.

Wenn Gott ruft, will er ganze und freie Entscheidungen. Das ist der Grund, warum Gott ernste Prüfungen und große Enttäuschungen gerade dort zulässt, wo sie uns am empfindlichsten treffen. Unser Missionar hatte einen Plan, für den er einige Mitarbeiter gewinnen wollte. Er wollte in Japan eine Gemeinschaft für Mädchen und später für Familien gründen, und hierfür brauchte er Mitarbeiter. Ich war so eifrig und begeistert, dass ich spontan zusagte. Doch der Bischof billigte sein Projekt nicht und versetzte ihn nach Brasilien. Dort, so sagte er uns dann, dürfe er nun sein Projekt durchführen, und er bat uns, später nachzukommen, um ihm dort zu helfen. Vor seiner Abreise nach Brasilien trafen wir uns noch einmal mit ihm, und als Zeichen der Einheit und Treue schenkte er uns allen ein Kreuz und ein Marienbild. Nach einem halben Jahr sollten wir ihm dann nach Brasilien folgen. Wir versprachen es und beantragten Visum und Flugticket.

In dieser Zeit quälte mich immer der Zweifel, ob dies wirklich mein Weg sei. Es ging um die Arbeit am Reich Gottes, die wollte ich tun - also mußte ich nach Brasilien gehen. Doch das Reich Gottes aufzubauen, das konnte ich genauso gut hier in Japan! War es also richtig, dass ich ihm versprochen hatte, ihm nachzufolgen? Einerseits wollte ich meinem Versprechen dem Missionar gegenüber, dem ich meinen christlichen Glauben verdankte, treu bleiben, andererseits wollte ich meine Freiheit haben. Schließlich habe ich den Missionar gebeten, mir Zeit zu lassen, noch ein paar Jahre hier in Japan zu arbeiten.

Diese Bitte muß ihn furchtbar enttäuscht haben, denn er schickte mir ein langes Telegramm. Darin mahnte er mich, an meine Sterbestunde zu denken und mir klar zu werden, welch große Sünde ich durch diesen Treuebruch begehen würde. Ich war schockiert und hilflos. Ich weiß noch gut, an diesem Tag, am 18. Januar 1962, habe ich den ganzen Tag stumm und regungslos vor dem Fernseher gesessen, kein Wort gesprochen und nichts gegessen. In dieser Nacht habe ich keine Minute geschlafen. Ich wusste nicht, ob und wie Gott mich rufen würde - und ich hätte laut schreien können wegen dieser Ungewissheit!
Meine Eltern hatten uns Kinder - wir waren sechs Geschwister - sehr frei erzogen. Sie hatten nicht viel Zeit für uns, weil sie einen kleinen Familienbetrieb führen mußten, aber sie haben uns gelehrt und vorgelebt, was Freiheit heißt. Vor allem mein Vater liebte die Freiheit. Das Wichtigste war ihm, dass jedes Kind seinen eigenen Weg gehen sollte. Und sie schenkten uns großes Vertrauen. Sie haben sich nicht besonders für unsere Schulleistungen interessiert. Wir brachten meistens gute Zeugnisse mit nach Hause, aber entscheidend war für meine Eltern die Überzeugung: Unsere Kinder sind gut. Unsere Kinder machen ihre Sache gut.

Ich glaube, dieses elterliche Vertrauen hat mir in meinen Kämpfen um den rechten Weg sehr geholfen. Am nächsten Morgen entschied ich mich endgültig, hier in Japan zu bleiben. Und würde der Missionar nun kommen und gar die Polizei schicken, um mich wegen Beleidigung und Treuebruch bestrafen zu lassen, dann sollte er es tun - doch meine innere Freiheit, die wollte ich behalten. Als ich meine Entscheidung getroffen hatte, fühlte ich mich sehr erleichtert. Ich teilte meine Entscheidung meiner Mutter mit. Sie sagte gar nichts zu Flugticket und Visum, sondern antwortete ganz ruhig: „Du hast so lange gerungen, es ist gut, wie du dich entschieden hast. Ich hatte diese Entscheidung erhofft, habe aber nichts gesagt. Und doch ist es besser, jetzt nicht hier zu bleiben, sonst wird Dich jeder fragen, warum du nicht nach Brasilien gegangen bist, und das wird deine Seele stets aufs neue verwunden. Geh von hier weg, damit du frei bist!“ In diesem Moment habe ich meine Mutter ganz tief schätzen gelernt.

In der Nacht brach ich auf. Ich hatte nach dein Abitur zwei Jahre das College besucht und den Beruf der Erzieherin erlernt. Und nun arbeitete ich zwei Jahre lang in einem Kindergarten, der von Vinzentinerinnen geleitet wurde, 700 Kilometer von zu Hause entfernt. Die Arbeit bereitete mir Freude, und ich lernte viel. Zwei Jahre blieb ich dort, dann ging ich zurück in meine Heimatstadt. Ein netter Missionar hatte dort inzwischen einen modernen Kindergarten gebaut und eingerichtet, und er brauchte mich. Mir ging es also gut. Und dennoch beschäftigte mich die Frage, wie wohl mein Leben weitergehen sollte? Natürlich wollte ich Jesus ganz und gar gehören, zugleich aber unter den Menschen bleiben, hier apostolisch tätig sein und nicht in ein Kloster gehen. Die Klöster und Gemeinschaften, die ich in den Jahren kennen gelernt hatte, boten diese Möglichkeit nicht. Aber gab es überhaupt eine Gemeinschaft, in der ich diese Ziele verfolgen konnte? Ich mußte meinen Weg suchen ...


Auf der Suche

Eines Tages erhielt ich einen Brief von einer Bekannten, die einige Jahre vorher nach Deutschland gegangen war. Sie schrieb mir, sie habe in Deutschland eine Gemeinschaft entdeckt, ein Säkularinstitut, dessen Mitglieder keine Gelübde ablegten. Diese Gemeinschaft gebe es in Japan nicht.

Ich war nicht besonders begeistert von Gelübden; der Missionar hatte uns Mädchen vorgeschlagen, das Gelübde der Jungfräulichkeit abzulegen. Ich wollte mich aber nicht fest binden, wollte statt dessen lieber von innen heraus aus meinem freien Willen entscheiden. So interessierte mich dieses Säkularinstitut, diese Gemeinschaft wollte ich kennen lernen. Die Arbeit als Kindergärtnerin bereitete mir viel Freude. Und da unsere Arbeit gute Früchte trug und wir uns so gut verstanden, beschlossen wir, nun einen ganz neuartigen christlichen Kindergarten oder ein Heim aufzubauen. Dazu aber war es erforderlich, christliche Pädagogik zu studieren - und weil das Christentum aus Europa kam, müßte man nach Europa gehen.

Das also konnte mein Weg sein: meine Arbeit hier fortführen, nicht ins Kloster eintreten und diese Gemeinschaft kennen lernen. So schrieb ich also meiner Bekannten, ich wolle in Europa „christliche Pädagogik“ studieren und würde gerne einmal diese Gemeinschaft kennen lernen, der sie sich inzwischen angeschlossen hatte. Tatsächlich erhielt ich kurz darauf einen Brief aus Deutschland. Eine Schwester M. Longina - die Provinzialoberin der süddeutschen Provinz der Schönstätter Marienschwestern - schrieb: „Fräulein Eiko Elisabeth, Sie können bei uns drei Jahre lang studieren, ein Jahr Sprache und zwei Jahre Pädagogik. Sie können zudem in unserem Kindergarten tätig sein oder unsere Erziehungsweise in unserem Seminar studieren. Und Quartier und Verpflegung stellen wir Ihnen ebenso gerne zur Verfügung.“ Ich fiel aus allen Wolken - besser konnte das Angebot nicht sein. Mit diesem Brief in der Tasche konnte ich mir die nötigen Papiere für die Reise nach Europa besorgen, ich sollte deutsch lernen, christliche Pädagogik studieren - war vollkommen frei und konnte diese Gemeinschaft kennen lernen!

Nachdem ich das nötige Geld gesammelt und mir alle Papiere besorgt hatte, teilte ich meinen Eltern meine Entscheidung mit. Mein Vater antwortete ganz ruhig: „Eiko, du bist frei, du kannst auf den Mond fliegen oder wohin du willst - nur, du musst es verantworten.“ Und er fügte hinzu, wenn ich nun nach Europa ginge, sollte ich meinen Weg suchen. Ich sei nicht mehr so jung, und ich müsse mich nun für einen Weg entscheiden, für meinen Lebensweg. Wenn ich heiraten, eine Familie gründen wollte, so sei das ein schöner Weg, der viel Freude mit sich bringe, aber auch Leid. Wählte ich den anderen Weg, so würde auch der zu großer Freude führen, aber zu Einsamkeit und Alleinsein. Wichtig sei nur, sich zu entscheiden.

Am 3. April 1965 bestieg ich das Flugzeug. Das war damals eine Sensation - eine junge Frau flog alleine nach Europa! Mein Herz pochte, als ich diese Reise ins Unbekannte antrat.

Meine Bekannte, die inzwischen Schönstätter Marienschwester war und nun Sr. M. Theresia hieß, holte mich in Zürich am Flughafen ab. Von ihrer Gemeinschaft erzählte sie kaum etwas, sondern empfahl mir, ich solle mir alles mit eigenen Augen anschauen. Von Zürich fuhren wir mit dem Zug auf die Liebfrauenhöhe, auf der das Provinzhaus der süddeutschen Provinz steht und das Erzieherinnenseminar. Das erste, was ich sah, als ich mein Zimmer betrat, war - das Marienbild, das mir der Missionar in meiner Heimatstadt vor seiner Abreise nach Brasilien geschenkt hatte! Dieses Bild aber hatte ich ihm doch nach Brasilien geschickt, um in meinem ganzen Leben nichts mehr mit ihm zu tun zu haben. Und nun sehe ich nicht nur in meinem Zimmer, sondern in jedem Zimmer dieses Marienbild.

Ich war schockiert und niedergeschlagen. Woher der Missionar dieses Bild hatte, wusste ich nicht. Ich ging auf die Suche nach dein Ursprung dieses Marienbildes, das die Schwestern „MTA-Bild“ nannten. MTA bedeutet: „Mater ter Admirabilis“ - Dreimal Wunderbare Mutter. Es ist der Titel, unter dem Maria in Schönstatt verehrt wird. Dieses Bild stand am Anfang der Schönstattbewegung, es ist das Schönstätter Gnadenbild, das sich in jedem Schönstatt-Heiligtum befindet. Später, als ich mehr über Schönstatt erfahren hatte, wurde mir klar, dass der Missionar versucht hatte, in Japan und später in Brasilien etwas Ähnliches wie die Schönstattbewegung, hiervon aber unabhängig, zu gründen, und dafür das Schönstatt-Bild mitgenommen hatte. Ich hatte dieses Bild kennen gelernt, lange bevor ich Schönstatt kannte und war nun - Gott sei Dank! - nicht nach Brasilien, sondern zum Ursprung geführt worden. Später haben mir dieses Gnadenbild und das Schönstattheiligtum viel Kraft und das Gefühl, zu Hause zu sein, geschenkt.


Entscheidende Begegnung

Nun traf ich auf die Schwestern vom Säkularinstitut der Schönstätter Marienschwestern. Alle sahen gleich aus für mich, ich sah keinen Unterschied. Die Musiklehrerin im Seminar und die Küchenschwester konnte ich anfangs nur an der Stimme unterscheiden. Schw. M. Longina, die Provinzoberin, war ein ganz froher und freier Mensch. Nicht nur sie: alle schienen froh und heiter, und ich habe mich - wie damals in der Schule bei meiner Freundin - gefragt: Woher haben die das nur? Ich hatte den Eindruck, sie stünden unter keinerlei Druck oder Zwang, sie wirkten vollkommen locker und frei.

Mit den wenigen deutschenWorten, die ich sprechen konnte, fragte ich die Schwestern dann, warum sie so froh und gelöst seien - und ich wandte mich besonders an diejenigen, von denen ich wusste oder denen ich anmerkte, dass sie ein Leid mit sich trugen. Auch diese strahlten Freude und Freiheit aus. So habe ich während meines ersten Jahres in Deutschland viel Zeit der Beobachtung der Marienschwestern gewidmet, und zum Schluß war ich zufrieden. Mehr und mehr war ich überzeugt, das, was ich immer gesucht hatte, nämlich ohne Zwang, ohne Müssen, von innen heraus und in Freiheit ganz hoch hinauf zu steigen, hier in Schönstatt gefunden zu haben. Ich erinnere mich gut, wie ich innerlich zustimmte, als ich später den Satz aus der Anfangszeit Schönstatts las: „Wir wollen lernen, uns unter dem Schutze Mariens selbst zu erziehen zu festen, freien Charakteren ...“ Ich war fasziniert und interessierte mich natürlich bald schon für den Gründer einer solch freien und schönen Gemeinschaft. Ob er noch lebte? Ob ich ihn kennen lernen dürfte?

Am 25. März 1966, knapp ein Jahr nach meiner Ankunft in Deutschland, durfte ich den Gründer, Pater Josef Kentenich, besuchen. Diese Begegnung werde ich nie vergessen. Noch nie hatte ich zuvor einen Menschen erlebt, der mich kleines Wesen auf Anhieb so gut verstanden hatte. Zudem war ich ja erst seit einem Jahr in Deutschland und konnte mich kaum verständlich machen. So war ich sehr verschlossen. Doch als ich mit Pater Kentenich zusammen war, war alles ganz anders. Stammelte ich mühsam zwei oder drei deutsche Worte, so formulierte er hieraus diejenigen Sätze, die ich eigentlich hatte sagen wollen. Er war es, der meine Gedanken formulierte, und dabei tiefe Güte und verständnisvolle Liebe ausstrahlte.

Wir waren wie in einer Welt, in der niemand anderes existiert. Natürlich imponierte mir besonders, dass er in keiner Weise versuchte, mich zu überreden. Er respektierte meine innere Freiheit und verstand meine Sehnsucht nach Freiheit. Ich spürte mich verstanden und geborgen, und es schien mir, als habe Gott von meiner Taufe bis zu dieser Begegnung mit Pater Kentenich eine Schnur gezogen, an der er mich ans Ziel führen wollte. Ich hatte meinen Weg gefunden. Und ich entschied mich für den Eintritt in diese Gemeinschaft, weil dieser Mann, Pater Kentenich sie gegründet hatte.

Was ich nach meiner Taufe still in meinem Herzen getragen hatte, die Sehnsucht, ein vollkommener, ein heiliger Mensch, ein Mensch in vollendeter Form zu werden, das würde sich sicher nun in dieser Gemeinschaft erfüllen. Diese Sicherheit hatte ich aus der Begegnung mit Pater Kentenich mitgenommen. Meine Entscheidung war gefallen, und ich schrieb meinen Eltern - selbstverständlich auch von Pater Kentenich. Sie bräuchten sich keine Sorgen um mich zu machen, nur hätte ich die eine Sorge: niemals gutmachen zu können, was sie mir geschenkt hätten.

Mein Vater schrieb darauf einen langen Brief in Pater Kentenich - ich mußte ihn übersetzen, und der Gründer freute sich sehr über diesen Brief. Seine Tochter, so schrieb mein Vater, habe ihm mitgeteilt, dass sie in eine neue Familie, in die Gemeinschaft, die er gegründet habe, eintreten wolle. Und wenn seine Tochter nun in diese Familie eintrete, so habe er, der Gründer und Vater dieser Familie, von jetzt an auch das Erziehungsrecht. Das wolle er ihm heute nun übertragen und ihn bitten, mich zu einem möglichst vollkommenen Menschen zu erziehen. Mein Vater schrieb auch mir und wiederholte, was er mir gesagt hatte, als ich nach Europa ging: „Wenn du zwanzig Jahre später auf deinen Weg zurückschauen und sagen können wirst, du seiest glücklich, dann hast du dich richtig entschieden.“ Und er fuhr fort: „Wenn du die Gemeinschaft der Marienschwestern wählen willst, so tue es, du hast die Freiheit. Vergiss aber nie, den Schwestern, die dich annehmen, recht dankbar zu sein, und diese Dankbarkeit in vorzüglicher Weise denen zu erweisen, die irgendwie und wann einmal deiner Hilfe bedürfen. Im übrigen, du weißt, was du zu tun hast. Sorge aber dafür, dass du das, was du werden darfst, auch in vollendeter Form wirst.“


Rückblick

Es sind nun bald 40 Jahre, auf die ich zurückblicken kann seit meinem Eintritt in die Gemeinschaft der Schönstätter Marienschwestern. Ich bin glücklich. In dieser Gemeinschaft habe ich alles gefunden, was ich als Sehnsucht nach meiner Taufe still in meinem Herzen getragen habe.

Nach meiner Taufe wurden an unserem Gymnasium sieben andere Mädchen ebenfalls katholisch. Ich hatte hieran einen bescheidenen Anteil. Die Gemeinschaft der Schönstätter Marienschwestern ist sehr apostolisch. Wir stehen mitten in der Welt, leben nicht hinter Klostermauern, wir suchen einen Weg, durch unser So-Sein und unser Tun Menschen zu Gott zu führen und die Welt zu erneuern - von innen her.

Immer wieder werde ich gefragt, ob ich es jemals bereut habe, dass ich nicht nach Japan zurückgekehrt bin. Es gab in den ersten Jahren eine Reihe Angebote, nach Japan zu gehen. Anfangs war es eh unmöglich, dorthin zu gehen, weil die Ausbildung noch andauerte. Spätere Angebote zerschlugen sich, weil die Wünsche des zuständigen Bischofs in Japan nicht zu unserem Weg passten. So bin ich in Deutschland geblieben und arbeite seit über 20 Jahren als Gemeindereferentin. Ich fühle mich in Gottes Hand, ganz gleich, ob ich in Deutschland, in Afrika oder Japan bin! Wo er mich haben möchte, da ist mein schönster Platz und meine Heimat. Gott hat mit uns seine Pläne. Ich bin Japanerin, keine Deutsche und vielleicht, so denke ich, soll ich für Japan, das sich so schwer tut, den christlichen Glauben anzunehmen, irgendwann einmal ein Saatkorn werden ...

Schwester M. Nurit Stosiek

M. Nurit Stosiek, Dr. theol., Jg. 1958, derzeitiger Arbeitsschwerpunkt: Frauenbewegung Schönstatts

Unter einer Schwester stellen sich viele eine weltfremde Frau vor, die den ganzen Tag betet und im Leben "draußen" nicht fertig wurde oder keinen Mann gefunden hat. Gehören Sie auch dazu?

Ich würde es als großes Kompliment empfinden, wenn Sie von mir sagen könnten: Sie betet den ganzen Tag, sie hat irgendwie immer Kontakt mir ihrem Gott. Das ist etwas, was einen Menschen wirklich groß macht. Es lebt sich viel glücklicher, das Leben wird entlastet, wenn das gelingt.

Natürlich ist mir klar, dass die Leute sich unter „den ganzen Tag, beten“ etwas Langweiliges vorstellen. Aber das ist eine Frage der Erfahrung. Wer mit dem Beten nichts anfangen kann, langweilt sich. Dann meint er, es ginge jedem so.

Was die Vorstellung von „weltfremd“ angeht: Das ist tatsächlich oft anzutreffen. Aber nicht bei jedem. Ich selbst habe früher nie darüber nachgedacht, ob Schwestern weltfremd sind oder nicht. Ich hatte keine Berührung mit ihnen. Und als ich dann zu Schönstatt kam und Schwestern begegnete, war mein Eindruck: Das sind Menschen, die nehmen das Leben so, wie es ist, die wissen, was los ist, mit denen kann man über die neuesten Fragen reden.

Und doch ist da so etwas wie eine innere Gelassenheit, sie hängen sich nicht an jeden Trend. Das hat mir gefallen. Natürlich habe ich versucht, dem auf den Grund zu kommen. Und irgendwann ging mir dann auf: Nicht obwohl das religiöse Frauen sind. können sie mit einer gewissen Reife das Leben nehmen. Der besondere Stil, religiös zu leben, gibt ihnen gerade diese Ausstrahlung und Lebensnähe.

Ich habe mich dann entschlossen, auch Marienschwester zu werden und war überzeugt: Das ist eine Lebensform, die genau auf uns Frauen heute zugeschnitten ist. Sie können sich vielleicht vorstellen, wie erstaunt ich war, als dann verschiedene Freunde und Bekannte mir dieses Klischee, das Sie gerade nannten, vorhielten, um mich von meinem Weg abzubringen. Ich wusste gar nicht, wovon sie sprachen - ich habe dann immer gesagt: Ihr wart im falschen Film, ich hab das ganz anders erlebt. Inzwischen sehen meine Bekannten das Ganze auch anders.

Es gibt noch eine interessante Variante von diesem Klischee, das Sie ansprachen: Manche Leute sagen mir etwas bedauernd: Tut es dir nicht leid, dass du vieles vom Leben verpasst? Ich mache dann ganz gern einen Vergleich:

Nehmen Sie an, Sie stehen in München auf dem Hauptbahnhof und möchten nach Innsbruck fahren. Während Sie so auf Ihrem Bahnsteig warten, fährt der Zug nach Nürnberg ein und eine freundliche Stimme fordert auf „Bitte einsteigen“. Werden Sie einsteigen? Natürlich nicht, Sie wollen ja einen anderen Zug und zwei Züge gleichzeitig nutzen, das geht nicht. Haben Sie damit etwas verpasst? Nein, Sie freuen sich doch auf die Fahrt nach Innsbruck! - So ist es auch im Leben: Wenn ich weiß, wo ich hinmöchte und hingehöre, wo Gott mich haben will, dann kann ich fröhlich andere Züge „abfahren“ lassen. Ich freue mich doch auf mein Ziel!

Vielen ist es unverständlich wie man auf so einem Lebensweg glücklich werden kann, ohne die Ehe, ohne Kinder. Wie sehen Sie das?

Die Frage ist, was man unter „glücklich werden“ versteht. Der Weg zum Glück liegt darin, dass ich die für mich richtige Art zu leben wähle und das auf Lebenszeit. Und da gibt es eben verschiedene Lebensformen von Gott her. Meine Lebensform ist nicht die, die ich mir „in den Kopf“ gesetzt habe, sondern die Gott mir ins Herz gelegt und für die er mich ausgestattet hat. Ich kann die Partnerschaft, Ehe und Familie hochschätzen. Aber um darin wirklich glücklich zu werden und erfüllt leben zu können, muss ich dazu berufen sein. Das gilt nicht nur für uns Schwestern. In meiner Arbeit erlebe ich ständig, wie sehr sich daran eigentlich bei jedem Menschen das Lebensglück entscheidet.

Erfüllt leben sogar mit unerfüllten Wünschen

Natürlich kann kein Mensch von dem leben, was er nicht hat, und bei jeder Lebensform bleibt am Ende etwas übrig. Das erlebt die junge Frau mit hochaktiven kleinen Kindern, die sie rund um die Uhr in Atem halten: Sie sehnt sich nach Freiraum für sich selbst; während eine andere, die kinderlos ist und solche Freiräume hat, sie vielleicht gerade um diese Zeit mit den Kindern beneidet. Meist scheint das Gras im Garten des Nachbarn ja „grüner“, d.h. man sieht zunächst das, was der andere hat und man selbst nicht. Wichtig ist es, das Schöne der eigenen Berufung zu sehen. Dann werden auch die Verzichte sinnvoll. Das ist gerade das Besondere, was eine Berufung von jedem willkürlich gewählten Lebensentwurf unterscheidet: Sie schenkt ein erfülltes Leben auch da, wo viele Wünsche unerfüllt bleiben, sie hilft, Schwierigkeiten durchzutragen und daran zu wachsen.

Das habe ich im Lauf meines Lebens als Marienschwester immer wieder erfahren. Die Stunden, in denen man die eigene Berufung einfach durchträgt, sind es, die einen nachher tragen und einem den eigenen Weg so kostbar werden lassen. Denn in solchen Augenblicken erlebt man deutlicher als sonst: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (Joh 15,16).

Eine Frage der Liebe

Pater Kentenich sagt: Jeder Lebensweg ist eine Frage der Liebe, und natürlich verzichtet ein jungfräulicher Mensch nicht darauf zu lieben. Die Art, sich an Gott und die Menschen zu verschenken, ist nur anders als in der Ehe, aber nicht weniger intensiv und auch nicht weniger erfüllend. Eine unserer Schwestern, die als Erzieherin arbeitet, hörte, wie eines der Kinder aus ihrer Gruppe von einem fremden Kind gefragt wurde: „Hat die Schwester X. auch Kinder?“ Das Kind antwortete spontan: „Natürlich, ganz, ganz viele.“ Das Kind hat etwas Wichtiges von dem ausgedrückt, was unsere Berufung ausmacht: Für Menschen da zu sein, die mütterliche Liebe Gottes, der Gottesmutter weiterzuschenken. Das ist ein schöner Lebensinhalt.

Sie sind promovierte Theologin. Haben Sie eigentlich das Lebensgefühl, sich als Frau in der Kirche entfalten zu können?

Ja, ohne Einschränkung. Gerade in der Frauenarbeit erlebe ich es ständig und handgreiflich, dass das Charisma von Mann und Frau tatsächlich unterschiedlich akzentuiert ist und wie viel
Kraft in diesem Unterschied liegt. Deshalb empfinde ich die Art der gesellschaftlichen Diskussion um die Stellung der Frau in der Kirche, das Priestertum der Frau usw. manchmal als etwas einseitig. Mir scheint, dass sich mit der Zeit auch von ganz anderer Seite Beobachter finden, die den Kurs der Kirche im Blick auf die Frauenfrage bestärken. So schreibt der Philosoph Peter Sloterdijk in seinem Buch „Luftbeben“, noch nie in der Geschichte der Menschheit sei ihr entscheidender Wesenszug so zerstört worden wie heute: die Zuordnung von Mann und Frau.

Eine weite Sicht im Blick auf die Frau

Ich bin sehr dankbar, durch die Begegnung mit Pater Kentenich und seinem Verständnis der Frau diese Weite kennen gelernt zu haben, die uns Frauen unseren ganz eigenen Platz in der Kirche und Gesellschaft gestattet: Pater Kentenich weist darauf hin, dass nicht nur führend ist, wer an der Spitze steht, also den „Kopf“ des Ganzen darstellt. Es gibt auch die Führungsrolle, die vom Zentrum, von der Mitte her Einfluss hat, gleichsam als „Herz“ des Ganzen. Pater Kentenich bezeichnet Maria gern als „Herz“ der Kirche, und zeigt, welch immensen Einfluss sie hat.

Natürlich reagieren viele Frauen allergisch darauf, „Herz“ sein zu sollen. Sie verstehen es als Absage an klare Intelligenz, an entschiedene Stärke und Eigenständigkeit. Aber in Wirklichkeit ist in diesem Bild nur auf den Punkt gebracht, wie unsere Intelligenz, unsere Stärke und Eigenständigkeit als Frauen zu ihrer vollen Kraft kommt. In der Frauenbewegung Schönstatts, gerade auch in den Führungspositionen, erleben wir, welche Kraft ein solches Selbstkonzept hat, auch im Miteinander von Mann und Frau.

Auch deshalb bin ich dankbar, zu Schönstatt und zu den Marienschwestern berufen zu sein.
Ich erlebe, dass hier Potentiale liegen, die noch lange nicht ausgeschöpft sind. Und, mehr noch: dass von Schönstatt aus eine Frau wirksam ist mit einem wirklich großen Herzen und
immensen Möglichkeiten, die Gott ihr gibt: Maria. Dafür lohnt es sich, sich selbst zu geben, lebenslang.

Schwester M. Damiana Czogala

Schwester M. Damiana Czogala, geb. 1960 in Polen, derzeitige Arbeitsschwerpunkte: Referentin für die Pilgergruppen aus östlichen Ländern, die Schönstatt besuchen, sowie Seelsorge mit der „pilgernden Gottesmutter“ unter polnischen Familien in Deutschland.

Er meint mich!

Obwohl mein religiöses Leben in der Jugendzeit keine besonderen Höhepunkte hatte, durfte ich erfahren: Gott hat mich ganz persönlich geführt, er meint mich. Kurz vor dem Abitur habe ich in einem Haus unserer Diözese Exerzitien gemacht. Bei dieser Gelegenheit habe ich einige Schönstätter Marienschwestern kennen gelernt. Ihre Art und ihre Aufgabe haben mich fasziniert. Ich kam aber nicht auf die Idee, mit diesen Schwestern ins Gespräch zu kommen, denn eigentlich war ich mir sicher, dass ein solcher Weg für mich nicht in Frage kommt.
Ganz verborgen in meinem Herzen habe ich damals aber zum ersten Mal gebetet, eine gute Lebensentscheidung zu treffen. Von da an habe ich oft in diesem Anliegen gebetet.

Die Frage, einen solchen Weg vielleicht selber einmal zu gehen, stieg in den folgenden Wochen und Monaten doch so ganz leise in meinem Herzen auf. Ich habe zwei Jahre gebraucht, diese Frage in mir durchzukämpfen.
Gottes Wunsch zu entdecken, seinen Weg für mich, war nicht leicht. Es hat mich viel gekostet – und ich bin innerlich immer wieder weggelaufen.

Heute – im Rückblick – kann ich über diesen Prozess, den Gott in meiner Seele angestoßen hat, sagen: Er und seine Führung war immer da!
Diese Jahre waren eine bewegte Zeit für mich: Ich wollte gerne an einer Fachhochschule studieren und habe dort drei Mal die Aufnahmeprüfung gemacht – ohne Erfolg. Wie ich später erfuhr, hing das damit zusammen, dass meine Familie und ich nicht das richtige Parteibuch hatten! (Das war zur Zeit des kommunistischen Regimes.)
Also begann ich eine Ausbildung und war dafür ein Jahr von zu Hause weg. Danach bekam ich eine Stelle in meinem Heimatort und sammelte erste Berufserfahrungen. Obwohl ich mit Freude arbeitete und erfolgreich war, fühlte ich mich nicht ausgefüllt.
Da  flatterte mir eine  Einladung  zum  Provinzhaus  der Marienschwestern in Swider ins Haus.
Meine innere Unruhe und Neugier nach etwas Neuem, Unbekannten ließen mich hinfahren. Ich habe meinen einzigen freien Arbeitstag genommen und bin die ganze Nacht mit dem Zug dorthin gefahren.
Ich fand dort ein kleines Haus und ein Kapellchen, das noch nicht fertig gebaut war. Obwohl alles äußerlich klein und unscheinbar war, ist diese erste Begegnung unheimlich tief gewesen. Ich bin mir sicher: Die Gottesmutter hat mich voll Liebe angeschaut. Ich hatte den Eindruck, sie erwartet etwas von mir.

In der folgenden Nacht fuhr ich nach Hause und kam am frühen Morgen in meinem Heimatort an. Mein Weg nach Hause war mein alter Schulweg, der mich an einem kleinen Fluss entlang führte. Nie vergesse ich diesen Gang am frühen Morgen: Am Straßenrand wachsen viele Eichen und bilden von beiden Seiten ein grünes Dach über der Straße. Die Sonne scheint mir entgegen und ich bin überzeugt wie nie vorher in meinem Leben: Das ist dein Weg! Dort gehörst du hin. Du musst so schnell wie möglich deine „Netze“ lassen und dorthin gehen!

Nach einem Monat war ich schon in Swider und hatte meinen Weg in die Gemeinschaft der Schönstätter Marienschwestern begonnen. Ich hatte gekündigt, meine sieben Sachen gepackt und von zu Hause Abschied genommen.
Ich durfte erfahren: Dieser Weg ist wirklich meiner, ein Weg, den Gott mir gezeigt hat. Ein Weg mit Maria, mit Pater Kentenich und dem kleinen Schönstattkapellchen, das damals noch nicht fertig gebaut war.

Bei allen Höhen und Tiefen, die ein solcher Weg natürlich auch kennt, bin ich immer neu gestärkt worden durch ein helles Licht: Die Gnade Gottes, die mir wie der Sonnenschein an jenem  Morgen  leuchtet  an  den  großen  und  an  den unscheinbaren Tagen meines Lebens. Die Gewissheit geht mit mir: Er meint mich!

Heute arbeite ich mit vielen Menschen: Mit Familien, die durch die Begegnung mit der „pilgernden Gottesmutter“ ein intensiveres Glaubensleben pflegen; mit jungen Frauen, die Vertiefung für ihr religiöses Leben suchen, mit Pilgern, die aus östlichen Ländern hierher nach Schönstatt kommen. Ich bin glücklich, den Menschen die Botschaft vermitteln zu können: Er meint dich! Gott liebt dich persönlich, führt dich persönlich.
Für viele von ihnen ist die Begegnung mit der Gottesmutter der Anfang eines neuen Weges geworden.

Ich bin sehr dankbar für meine Berufung. Ich habe für mein Leben die Erfüllung gefunden, nach der ich mich immer gesehnt habe.