11.05.2012

Vorbildliches Leben von der Kirche anerkannt

Papst Benedikt XVI. hat am 10. Mai 2012 Emilie Engel (1893-1955) vom Säkularinstitut der Schönstätter Marienschwestern den „heroischen Tugendgrad“ zuerkannt. Diese Anerkennung bedeutet, dass ein Diener Gottes alle Tugenden, die göttlichen Tugenden von Glaube, Hoff-nung und Liebe, die Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Klugheit, Mäßigkeit und Tapferkeit sowie die evangelischen Räte Armut, Keuschheit und Gehorsam in vorbildlicher und hervor-ragender Weise gelebt hat.

Mit der Feststellung des heroischen Tugendgrades ist eine wichtige Etappe im Seligspre-chungsprozess von Emilie Engel abgeschlossen. Damit ist die vorletzte Stufe zur Selig-sprechung erreicht, die dann nach der Anerkennung eines Wunders auf die Fürsprache der Dienerin Gottes erfolgt.
Seit ihrem Tod haben sich schon viele Menschen weltweit in ihren vielfältigen Anliegen und Nöten an Emilie Engel gewandt und spürbare Hilfe erfahren. Ein Wunder steht jedoch noch aus.

Zeugnis von einem geglückten Leben

Wer war diese Frau, die in ihrem Leben in außerordentlicher Weise Antwort auf den göttli-chen Anruf gegeben hat? Eine Frau, die für viele ihrem Namen entsprechend ein „Engel“ ge-worden ist und Gottes Nähe erfahrbar machte, eine Frau, deren Leben über weite Strecken von Krankheit, Grenzen und Schwäche gezeichnet war, die dennoch viele fasziniert und schon in 30 Nationen der Welt bekannt ist. Ihr Leben gibt Zeugnis von einem Weg, der zu einem erfüllten und geglückten Leben führt. An vielen inneren und äußeren Problemen gereift, ist Emilie Engel eine authentisch christliche Persönlichkeit geworden.

1893 geboren, wuchs sie in der kleinen Gemeinde Husten im Sauerland als viertes von zwölf Kindern in einer bäuerlichen Großfamilie auf. Ihre Eltern legten das Fundament für einen soliden Glauben, für echte Gottes- und Menschenliebe. Doch quälten sie schon in frühem Al-ter Vorstellungen von Gott als einem belohnenden und strafenden Richter, wie sie der dama-ligen Zeit entsprachen. Die Sorge, Gottes Willen nicht vollkommen erfüllen zu können, traf bei ihr auf ein übersensibles Gewissen, das sie ängstigte.

Nach außen hin war von diesen Ängsten nicht viel zu spüren. Sie wurde geschätzt als frohe, selbstlose und engagierte Lehrerin, die sich mitten im sozialen Brennpunkt Ruhrgebiet neben ihrem Beruf den Armen und Notleidenden widmete. „Die Ärmsten am wärmsten“ zu lieben, war ihr Ziel.
Eine neue Welt erschloss sich Emilie 1921 während der ersten Tagung für Frauen, die von Pater Josef Kentenich, dem Gründer der Erneuerungsbewegung Schönstatt, gehalten wurde. Zu manchen Wallfahrtsorten war sie vorher gepilgert, immer ihre seelischen Nöte im Gepäck. Hier in der Gnadenkapelle von Schönstatt erhielt sie eine Antwort, die ihr Leben entscheidend prägte. Unter der geistlichen Führung Pater Kentenichs wuchs sie in eine neue geistige Welt hinein. Ihr Bild von Gott als dem strengen Gesetzgeber wurde korrigiert und ergänzt durch das eines barmherzigen Vaters, der sie ganz persönlich liebt und vor dem sie das werden soll, was sie in der Taufe geworden war: Kind Gottes. Allmählich wurde sie von innerer Not und Angst befreit. Im Liebesbündnis mit Maria, das das Kernstück der Spiritualität Schönstatts ist, festigte sich ihre innere Umwandlung. In diesem Bündnis mit der Gottesmutter wuchs in ihr zugleich das Verantwortungsbewusstsein für das Reich Gottes.

Wagnis und Verantwortung 

Das hatte bald auch Folgen für ihren beruflichen Weg. Die vollkommene Hingabe an Gott und die Menschen drängte sie, ihren sicheren Beruf als Lehrerin aufzugeben. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern der von Josef Kentenich 1926 gegründeten Gemeinschaft der Schönstätter Marienschwestern. Bald übernahm sie verantwortungsvolle Aufgaben für die junge Gründung als Generalvikarin, als Leiterin eines

Fürsorgeheimes für Frauen in Not und auch als Novizenmeisterin. Mehr als 400 Frauen hat sie auf ihrem Weg in das neue Institut begleitet.
Ihr größter Wunsch war, dass die Schwesterngemeinschaft der Kirche Heilige schenken möge. Dafür bot sie als junge Schwester Gott ihr Leben an und die Bereitschaft, alle Leiden zu tragen, die Gott ihr schicken würde. Diese Weihe nahm Gott sehr ernst.

Im Leid geläutert

Eine Lungentuberkulose-Erkrankung beendete nach neun Jahren 1935 vorerst ihren aktiven Einsatz für die neue Gründung. Mit drei schweren Operationen und Phasen totaler Isolierung und Einsamkeit in verschiedenen Krankenhäusern und Lungenheilstätten war die Heilung sehr langwierig.

Die schweren Leidensjahre mit absoluter Untätigkeit und völlig ungewisser Zukunft wurden für sie eine Zeit der Läuterung und der Nachfolge Christi, in der sie immer klarer Gottes Liebe und weise Führung entdeckte. Langsam löste sie sich von allem eigenen Wollen und Planen und überließ sich ganz vorbehaltlos Gott. Ihr bereites „Ja, Vater“ zu ihrem Leidensweg und zu einer ungewissen Zukunft musste sie sich hart erringen und im Gebet erbitten: „Ich bin gewiss, dass du mich nicht fallen und versinken lässt, sondern mich für ewig in dein Vaterherz ziehst.“

Sein Wunsch und Wille bestimmten immer mehr ihr Denken und Tun. Sie erkannte, dass es Gott nicht auf die äußere Tätigkeit ankommt, sondern auf die Liebe als menschliche Antwort auf seinen Willen. Weil sie diese Erkenntnis mehr und mehr verinnerlichte, konnte sie anderen Menschen mit innerer Ruhe zuhören, ihnen raten, sie trösten, ermutigen und stärken.

Geführt von Gott

Im März 1946 wurde Schwester Emilie die Leitung einer der ersten vier Provinzen der Ge-meinschaft in Deutschland übertragen. Auf ihren Wunsch hin erhielt die Provinz den Namen Providentia - Vorsehung. Wie sie es selbst in ihrem Leben auf vielfältige Weise erfahren hatte, sollte auch in den Schwestern ihrer Provinz der Glaube an die göttliche Vorsehung lebendig sein. In der existentiellen Not der harten Nachkriegsjahre führte sie die Gemeinschaft mit un-vergleichlicher Ruhe und Sicherheit, mit einem unerschütterlichen Vertrauen auf die weise Führung Gottes und einer grenzenlosen Liebe zu den Menschen durch alle Krisen hindurch und stellte ihre Schwestern für den vielfältigen Dienst an den Menschen zur Verfügung.

Nach acht Jahren umsichtiger und reich gesegneter Tätigkeit verlangte Gott von ihr die end-gültige Lösung von allem. Als Folge einer Wirbelsäulenverkrümmung, verursacht durch die früheren Lungenoperationen, wurde sie langsam vollständig gelähmt. Trotz wachsender Hilf-losigkeit ging eine große Ausstrahlung von ihr aus. Sie war sich bewusst, dass Gott ihre Weihe angenommen hatte, und sie nahm bis zum Tod nichts von ihrem Angebot zurück. Als sie fast völlig gelähmt im Rollstuhl saß und nicht mehr sprechen konnte, schrieb sie auf ein Täfelchen: „Wenn der liebe Gott unser Gebet auch nicht so erhört, wie wir das gern hätten, ich lasse aber trotzdem nichts auf ihn kommen.“ Ihr Mund schwieg, ihre Augen jedoch sagten umso mehr, sie waren durchgeistigt und klar. Sie war überzeugt, dass Gott weiß, was für uns das Beste ist. Am 20. November 1955 nahm Gott das Opfer ihres Lebens an. Das Weizenkorn wurde in die Erde gelegt und konnte fruchtbar werden für die junge Gemeinschaft und darüber hinaus (vgl. Joh. 12,24).

Für uns heute  

Das Leben von Schwester Emilie ist für viele Menschen eine Ermutigung geworden, im Markt der Möglichkeiten die Option des christlichen Lebens zu wählen und auch in Durststrecken durchzuhalten. In ihrem von Erfolg, Freude und vielfältigem Leid geprägten Leben hat sie erfahren, dass das „Ja Vater“ zum Willen Gottes in allen Momenten des Lebens sicher, frei und glücklich macht.
Ein gelungenes Leben und ein Weg, der zum Glück führt, vorbei an anderen Optionen, die uns offenstehen. Eine Erfahrung, die für Schwester Emilie so wichtig war, dass sie auch in ihrer neuen Existenzweise bei Gott die Suchenden auf der Erde, die sich vertrauend an sie wenden, begleiten möchte.