10.06.2012

Fronleichnam 2012

Gott in der Mitte

 

 

 

 

 

 

„Wohin ist Gott?“ - Diese Frage beschäftigt rund 180 Fachleute bei einem wissenschaftlichen Kongress, der am 1. Juni hier am Ort Schönstatt zu Ende geht.

 

Gott ist in unserer Mitte, das erleben rund 1800 Gläubige am 10. Juni bei der großen Fronleichnamsprozession hier in Schönstatt. Das Leitwort der deutschen Schönstattbewegung im zweiten Vorbereitungsjahr auf das Schönstattjubiläum 2014 gibt auch das Motto für diesen Tag: „Ein Heiligtum in unserer Mitte“.

 

 

 

 

Glauben mit Händen zu greifen

 

Das große Fest, das wie jedes Jahr am Sonntag nach dem kirchlichen Festtag gefeiert wird, beginnt schon am Samstag: Nicht nur die Schönstätter Marienschwestern, auch auffallend viele Familien, eine Gruppe Erstkommunionkinder und eine große Zahl Einzelner sind nach Berg Schönstatt gekommen, um an den Blumenteppichen mitzulegen. Hier wird Glaube im wörtlichen Sinn „begreifbar“, wenn sie mit frischen Blüten religiöse Symbole legen und darüber sprechen, was diese Symbole bedeuten. Glaubensfreude wird geerdet durch das fröhliche Miteinander der vielen, Sprachgrenzen werden fließend, wo die Schwestern des Internationalen Seminars aus 14 Ländern sich dazwischen mischen und auf ihre Weise Zeugnis geben, dass Glaube die große Entdeckung für viele Kulturen ist.

Der Himmel tut das Seinige. Nach Tagen extremen Wechselwetters ist die Witterung stabil, abgesehen von einem heftigen Wind, der ja auch pfingstlich gedeutet werden kann. Dass wegen der stürmischen Lage auf dem Weg vor der Anbetungskirche diesmal einige Teppiche wegbleiben müssen, fällt kaum auf.

Die Gruppe von Erstkommunionkindern, die eigens für diesen Tag angereist ist, staunt am Sonntagmorgen, als nicht nur ihre schönen Teppiche, sondern viele Fahnen Berg Schönstatt zu einem einzigen großen Gotteshaus gestalten.

 

 

 

Gott in unserem Herzen

 

Im Eröffnungsgottesdienst erinnert der Generaldirektor der Schönstätter Marienschwestern, Dr. Bernd Biberger, daran, welche Botschaft Fronleichnamsprozessionen heute haben können: „Gerade indem wir Christus dorthin bringen, wo wir leben und arbeiten, machen wir deutlich, dass Gott und Welt zusammengehören. Es ist gerade nicht so, dass Gott seinen Platz in der Kirche hat und nichts mit unserem Leben zu tun hat, sondern er gehört mitten hinein in unser Leben, ist Teil unseres Lebens, und die lebendige Beziehung zu ihm soll Fundament unseres Alltags sein.“ So wie Maria Christus zur Welt und zu den Menschen bringt, sollen auch wir als Christen es tun. Pater Kentenich spricht hier vom „Herzensheiligtum“. Er „greift dabei auf den heiligen Paulus zurück, der an verschiedenen Stellen davon spricht, dass unser Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist. Deshalb spricht Pater Kentenich an verschiedenen Stellen davon, dass jeder Christ ein Dreifaltigkeitskirchlein sein soll: von Gott bewohnt und Gott geweiht. Das Herz eines jeden von uns ist ein Heiligtum, in dem sich Gott niedergelassen hat und von dem aus er wirkt … Wenn wir aus dieser Realität leben, bedeutet dies, dass wir in unserem Herzen Christus überall dorthin tragen, wohin wir gehen. Wir bringen ihn in unser privates Lebensumfeld, hinein in unsere Familien, hinein in unseren Freundeskreis und prägen so die Atmosphäre mit, die dort vorherrscht. Wir bringen Christus in unser berufliches Umfeld, an unsere Arbeitsstelle, zu den Arbeitskollegen, zu den Kunden, und prägen so das Arbeitsklima mit, in dem wir zusammenarbeiten. Wir bringen Christus in unser soziales Umfeld, in die Vereine, in denen wir Mitglied sind, in die Gemeinschaften, in denen wir uns engagieren, und beeinflussen so die Wertewelt, die dort vorherrscht.“

 

 

Ein Klima andächtiger Ruhe

 

Während in der bis auf den letzten Platz gefüllten Anbetungskirche Gläubige Eucharistie feiern, ist Berg Schönstatt schon bevölkert mit auffallend vielen Pilgern, die sich durch Betrachten der Blumenteppiche auf die Prozession einstellen. „Das hat was Besonderes“, sagt eine Frau, die wie viele andere über den Berg geht, „so viele Menschen, aber irgendwie andächtig. Ich komme hier direkt zur Ruhe.“

Als die große Prozession beginnt, sind es die vielen Landesfahnen, die Glocken, die Gesänge und vieles andere, was daran erinnert, dass hier nicht irgendjemand, sondern der Herr des Himmels und der Erde an die Öffentlichkeit tritt. Von Altar zu Altar tragen die Priester abwechselnd die Monstranz mit dem Allerheiligsten.

Und die Menschen lassen sich auf diese ganz andere Welt ein, es ist nicht irgendein Event, es ist ein Vorübergang Gottes. „Für mich war das ein einziges Glaubenserlebnis“, sagt eine Frau, die Fronleichnam in Schönstatt zum ersten Mal erlebt, „dass so viele Menschen mit einer solchen Gläubigkeit mitbeten und mitsingen, bewegt mich sehr.“ Eine junge Familie aus Süddeutschland – ebenfalls zum ersten Mal hier – freut sich vor allem über den Stil der  Prozessionsgebete. „Bei uns zu Hause gibt es auch Fronleichnamsprozessionen, aber die Art ist sehr traditionell. So wie hier gebetet und gesungen wird, das hat uns sehr gefallen – vor allem das internationale Gebet.“ - Während der Prozession hatten Schwestern aus verschiedenen Ländern das „Gegrüßet seist du, Maria“ in ihrer Sprache gebetet.

 

 

Gottes Botschaft in meinem Herzschlag

 

„Gott ist in der Mitte“, das erklärt Schwester M. Nathalie den anwesenden Kindern sehr anschaulich: „Breitet mal eure Arme weit aus und dann schaut mal, was liegt in der Mitte?“ - Die Kinder antworten begeistert: Das Herz, es klopft. „Und da ist Jesus, mitten in eurem Herzen. Und wenn ihr euer Herz klopfen hört, könnt ihr euch auch vorstellen, wie Jesus euch mit jedem Herzschlag sagt: „Hallo, Simon, ich bin da ...“.

 

Gott ist da, auch da für die, die einfach am Rand des Weges stehen und nur beobachten oder fotografieren, weil sie als Spaziergänger eher zufällig dazugekommen sind oder einfach mal sehen wollten, was das ist: Fronleichnam. Jeder kann sich auf seine Weise einbringen, und jeder hat seinen Platz.

Gott hat viele Möglichkeiten, Menschen „im Vorbeigehen“ anzusprechen, das wird an diesem 10. Juni auf Berg Schönstatt deutlich: Am Vormittag bei der Fronleichnamsprozession, als er in der Gestalt der Hostie über den Berg getragen wird; am Nachmittag, als noch sehr viele Menschen in Gruppen oder allein an den Teppichen vorbeigehen und hier mehr aufnehmen als Symbole: Hier war Gott, über diese Teppiche wurde er über den Berg getragen. Gott im Vorbeigehen wahrnehmen, das kann an diesem Tag aber auch ganz menschlich aussehen: „Dass die Schwestern sich hier Zeit nehmen für die Menschen, das ist so wohltuend“, sagt eine Frau, die am Nachmittag auf den Berg kommt. Und ein Mann sagt es noch kürzer, als eine Marienschwester ihm begegnet: „Danke für ihr Lächeln!“

Von: Schönstätter Marienschwestern